Ökonom im Interview

Wie sich unsere Krankschreibungen auswirken

Was machen Krankheiten mit einer Volkswirtschaft? Prof. Nicolas Ziebarth ist Ökonom am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Hier spricht er über Karenztage, Lohnfortzahlungen und telefonische Krankschreibungen.
Alev Doğan
Gestern
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The Pioneer: Herr Professor Ziebarth, im Moment ist die Debatte rund um Krankheitstage gesellschaftspolitisch präsenter denn je. Man hört immer wieder, in Deutschland gäbe es überdurchschnittlich viele Krankmeldungen. Stimmt das?

Professor Nicolas Ziebarth: Das ist korrekt. In Bezug auf die krankheitsbedingten Fehlzeiten sind wir weltweit in der Spitzengruppe. Ob wir an der Spitze sind, lässt sich nicht genau sagen, weil wir für die OECD-Länder leider keine vergleichbare repräsentative Datenbasis haben. Das heißt: Die Zahlen, die von der OECD kommen, basieren auf einzelnen Datensätzen. In der Summe können wir jedoch sagen: Wir sind in der Spitzengruppe der OECD-Länder und haben sehr hohe Fehlzeiten im internationalen Vergleich.

Warum ist das so? Sind die Menschen in Deutschland häufiger krank, oder melden sich die Menschen in Deutschland bloß häufiger krank?

Ein Ökonom oder auch ein Sozialwissenschaftler wird zunächst von der Annahme ausgehen, dass es strukturell zwischen den Bevölkerungen der verschiedenen Länder systematisch keine so großen Unterschiede in Bezug auf Krankheiten gibt, dass dies unterschiedlich viele Krankmeldungen unbedingt rechtfertigen würde. Natürlich muss man das in Bezug auf unterschiedliche Industriestrukturen und unterschiedliche Berufsbilder, die verschieden häufig in den jeweiligen Bevölkerungen vertreten sind, einschränken. Das kann sich natürlich auf Fehlzeiten auswirken, aber die großen Unterschiede, die wir sehen, werden dadurch nicht erklärt.

Ich würde sagen, der Großteil der Unterschiede zwischen den Ländern liegt im Verhalten der Menschen und in der Entscheidung, ob man sich krankmeldet oder nicht.

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch Unterschiede in der Bevölkerung und in den Arbeitsmärkten. Das muss man durchaus berücksichtigen, erklärt aber nur einen Teil der Unterschiede.

Ich würde sagen, der Großteil der Unterschiede zwischen den Ländern liegt im Verhalten der Menschen und in der Entscheidung, ob man sich krankmeldet oder nicht.

Das heißt, auch Demografie spielt hierbei eine große Rolle?

Ja. In der Gesundheitsökonomie ist es eindeutig: Zunehmendes Alter, also ein Alter ab 40, 45, führt auch zu mehr Krankschreibungen. Je älter die Gesellschaft ist und je länger wir im Alter arbeiten, desto höher sind tendenziell die Fehlzeiten, mit denen wir rechnen müssen.

Studien legen nahe: Ein Grund für viele krankheitsbedingte Fehlzeiten in Deutschland ist die doch recht großzügige Lohnfortzahlung. Inwiefern können Sie das aufgrund Ihrer Forschungsergebnisse bestätigen?

Das trifft zu, wir haben ein großzügiges System in Deutschland. Erstens haben wir eine Lohnfortzahlung vom ersten Krankheitstag an und für bis zu sechs Wochen pro Krankheitsepisode, und zwar für einhundert Prozent des Gehaltes. Das ist sehr großzügig im internationalen Vergleich, es sind wenige Länder, die dabei noch großzügiger sind. Ab der siebten Woche gibt es das Krankengeld, die Lohnersatzrate, auf 70 Prozent abgesenkt. Das kann man für bis zu anderthalb Jahre beziehen.

Insgesamt kann man konstatieren: Deutschland hat eines der großzügigsten Systeme in der Lohnfortzahlung weltweit. Ich würde allerdings hinzufügen: Das ist von der Bevölkerung auch gewünscht, man kann es als Errungenschaft sehen. Für die Gewerkschaften und für die Arbeitnehmer hat dies auch einen großen Wert.

Aus Umfragen geht hervor, dass die Bevölkerung dieses Niveau an Absicherung gerne so beibehalten würde.

In den Neunzigerjahren haben wir das auch gesehen: Dort wurde bereits einmal versucht, die Lohnfortzahlung zu kürzen. Demnach würde ich sagen – und da gibt es durchaus Unterschiede in der Bevölkerung –, dass die Deutschen eine Präferenz dafür haben, eine großzügige Absicherung auch weiterhin beizubehalten.

Welche volkswirtschaftlichen Folgen haben Krankschreibungen in erhöhtem Maße?

Das ist eine ganz wichtige Frage. Dadurch, dass wir so ein großzügiges Lohnfortzahlungssystem haben, melden sich Leute in Deutschland auch krank, die sich in anderen Ländern eventuell nicht krankmelden würden.

Bei den sogenannten Karenztagen wird der erste Krankheitstag gar nicht bezahlt – und zwar bei jeder Krankheit. Das bedeutet, dass Menschen im Zweifel auch krank zur Arbeit gehen und sich weniger Leute krankmelden. Die Frage dabei ist, was die Folgen der Krankmeldungen für Firmen sind, und ob es gut oder schlecht ist, wenn sich viele Leute krankmelden.

Wissenschaftlich kann man das nicht ganz pauschal sagen. Es kommt darauf an, wer sich krankmeldet und warum. Da kommen wir wieder auf die Kosten zu sprechen.

In Deutschland haben wir erwiesenermaßen relativ viele Menschen, die sich bei einer sogenannten „Bettkanten-Entscheidung“ für die Krankschreibung entscheiden.

Was ist mit „Bettkanten-Entscheidung“ gemeint?

Man wacht auf, man fühlt sich ein bisschen angeschlagen, vielleicht ist eine Erkältung im Anflug. Man sitzt auf der Bettkante und überlegt: Melde ich mich krank oder gehe ich arbeiten?

In Deutschland haben wir beim Kranksein dieses Schwarz-Weiß-System: einhundert Prozent oder null Prozent. Bei einer Krankschreibung bekommen wir einhundert Prozent Lohn, haben also keinerlei Kosten im ökonomischen Sinne. Das führt dann dazu, dass sich ein hoher Teil der Menschen auch für die Krankschreibung entscheidet. Wäre der erste Krankheitstag nicht bezahlt, dann würden natürlich viel mehr dieser Leute auf der Arbeit erscheinen. Die Frage ist nun, ob es gut oder schlecht ist, dass sich diejenigen krankmelden. Da gibt es verschiedene Sichtweisen.

In Deutschland haben wir erwiesenermaßen relativ viele Menschen, die sich bei einer sogenannten ‚Bettkanten-Entscheidung‘ für die Krankschreibung entscheiden.

Bei wirklich kranken und arbeitsunfähigen Menschen, die im Zweifel auch noch infektiös sind, haben wir einen Konsens. Dabei wollen wir nicht, dass diejenigen krank auf der Arbeit erscheinen und Kollegen oder Kunden anstecken. Und wir wissen aus der Forschung, dass Kranke natürlich weniger produktiv sind, mehr Fehler machen und auch Arbeitsunfälle produzieren.

Bei Karenztagen handelt es sich um unbezahlte Krankheitstage. Steckt darin nicht auch der Anreiz, krank zur Arbeit zu gehen?

Dazu gibt es auch Studien. Ich spreche mich sehr stark gegen Karenztage aus. Ökonomisch gesehen ist das keine gute Politik. Und da gibt es viele, wie wir im Amerikanischen sagen, „unintended consequences“, also unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Wir wissen aus Studien: Das ist ein relativ hoher monetärer Verlust, vor allem für Niedrigverdiener.

Wir wissen, dass Menschen bei einer kurzen Krankheitsdauer sehr stark auf ökonomische Anreize reagieren. Deswegen gibt es relativ viele, die sich auch bei „kleineren Sachen“ krankmelden. Das ist ein negativer Aspekt. Aber bei Karenztagen haben wir das Problem, dass viele einfach krank zur Arbeit gehen.

Und das hat wiederum Folgekosten. Zum einen ist man, wenn man krank ist, nicht so produktiv. Zum anderen steckt man unter Umständen Kollegen an und es entwickelt sich ein Domino-Effekt. Oder man verschleppt die Krankheit für längere Zeit.

Das ist auch ein Argument für relativ großzügige Fehlzeitenregelungen: Man möchte, dass sich Menschen eben wirklich auskurieren und dann wieder mit hoher Produktivität an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Auf der anderen Seite müssen wir aber auch die „Blaumacher“ bedenken, also die harten Blaumacher, die sich einfach krankmelden, was als Arbeitszeitbetrug auch strafrechtlich relevant sein kann. Und dann müssen wir die „Bettkanten-Entscheider“ berücksichtigen, die sich relativ schnell krankmelden. Bei denen muss man sich die Frage stellen, ob sie denn wirklich arbeitsunfähig wären. Um diesen Teil der Menschen wird etwas nebulös drumherum geredet, aber um die geht es in der ganzen Debatte um Karenztage. Man hat das Gefühl, man hat 20 Fehlzeiten pro Arbeitnehmer. Wir müssen das jetzt mal strenger gestalten, etwas kürzen, dann kommen die ganzen Blaumacher auch zur Arbeit.

Herr Professor Ziebarth, was wissen wir über die Verteilung unter den Krankgemeldeten? Wie viele davon sind wirklich krank, wie viele davon fallen unter die sogenannten „Bettkanten-Entscheider“ und wie viele davon sind Blaumacher?

Das ist eine sehr gute Frage. Die Zahl der „harten“ Blaumacher, die wirklich gar nicht krank sind, schätze ich als sehr gering ein. Ich glaube, Firmen kennen die jeweiligen Mitarbeitenden ganz gut. Das sind dann solche Fälle, bei denen Detektive angeheuert werden, die nachrecherchieren, und bei denen Menschen freigestellt oder entlassen werden, weil das aus Sicht der Vorgesetzten Problemfälle sind. Dieser Anteil dürfte wirklich nicht groß sein.

In Bezug auf die „Bettkanten-Entscheider“ gibt es eine repräsentative Umfrage, die besagt, dass ein Viertel aller Beschäftigten dazugehören. Das heißt, sie könnten eigentlich arbeiten, haben die Entscheidung aber häufig oder manchmal zugunsten der Krankschreibung getroffen. Die Frage ist jetzt, was man damit macht und welche Maßnahmen wir haben.

Natürlich ist es ein Problem für Firmen, wenn sich Leute sehr schnell krankmelden. Und man möchte auch keinen Kranken auf der Arbeit haben. Wenn sich aber auf der anderen Seite jemand krankmeldet, der arbeiten könnte, dann führt das natürlich dazu, dass sich der Fachkräftemangel verschärft. Jeder kennt das: Kurzfristig sagt der Handwerker ab, man muss Termine wieder verschieben. Das generiert nicht nur Kosten für die Firmen, die schließlich den Lohn weiterzahlen, sondern führt auch dazu, dass die Umsätze sinken, dass die Aufträge nicht abgearbeitet werden können und dass organisatorisch umgeplant werden muss. Das sind schon hohe Kosten für Firmen, die da entstehen. Deswegen ist das auch ein Problem.

Die sogenannten telefonischen Krankschreibungen sind im Jahr 2021 aufgrund der Corona-Pandemie eingeführt worden. Die Union drängt nun auf eine Abschaffung. Wie ordnen Sie diese spezielle Form der Krankschreibung ein?

Die Zielrichtung war auch darauf ausgelegt, dass man Arztpraxen entlastet und nicht wegen jeder Kleinigkeit zur Arztpraxis läuft. Zudem sollten die Bürokratie reduziert und Freiräume für wirklich problematische Krankheitsfälle geschaffen werden. Das leistet die Regelung, das ist zunächst positiv zu bewerten. Die Regelung ist auch relativ restriktiv: Man muss dem Arzt bekannt sein, sie gilt nur bei leichten Erkrankungen, sie gilt nur einmalig und so weiter. Kritiker behaupten, es sei nicht von der Hand zu weisen, dass es dadurch leichter wird, sich krankschreiben zu lassen.

Stimmt es, dass telefonische Krankmeldungen nur 0,9 Prozent der Krankschreibungen insgesamt ausmachen?

Das stimmt, das sind Daten einzelner Krankenkassen. Bei diesen Daten sehe ich, und auch andere, keine Evidenz dafür, dass die telefonische Krankschreibung den Krankenstand treibt. Sicherlich gibt es einige Menschen, die das ausnutzen, das will ich nicht abstreiten. Es ist nun mal einfach, anzurufen und zu sagen, man sei krank. Vielleicht ist die Hemmschwelle zum Lügen auch niedriger.

Durch telefonische Krankmeldungen kann man sich den Anstieg der Krankmeldungen insgesamt nicht quantitativ erklären. Ich würde diese Regelung auch als überwiegend positiv beurteilen.

Man könnte darüber diskutieren, ob es vielleicht nicht besser wäre, die Pflicht vom Anruf zum Video-Call umzuwandeln, damit man den Arzt zumindest sehen kann. Dann sinkt wahrscheinlich die Hemmschwelle.

Auch ein Großteil der Ärzteschaft stellt sich gegen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Sprechen wir hier über eine sehr regulatorisch wirkende Staatlichkeit?

Ich finde, diese Debatte ist aus politstrategischen Überlegungen geboren. Ich glaube auch, dass die Wirtschaft das gefordert hat, also die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und die Wirtschaftsvertreter. Diese hatten sich zuerst für Karenztage und Kürzungen ausgesprochen. Anschließend hat sich die Debatte etwas bewegt und die telefonische Krankschreibung wurde als Symbol verwendet. Die Politik nimmt es auf, weil wir die Wirtschaft in Gang bringen müssen und weil Reformen erwartet werden. Es hat dann doch eher mit Symbolpolitik zu tun, man sollte sich hierbei keine großen Effekte erwarten.

Durch telefonische Krankmeldungen kann man sich den Anstieg der Krankmeldungen insgesamt nicht quantitativ erklären. Ich würde diese Regelung auch als überwiegend positiv beurteilen.

Wobei handelt es sich bei den sogenannten Anwesenheitsprämien? Sind diese die Gegenüberstellung zu Karenztagen?

Karenztage sind grundsätzlich eine schlechte Idee aus verschiedenen Gründen, eine bessere Option wäre die Kürzung der Lohnfortzahlung. Das wäre für mich das Spiegelbild der Anwesenheitsprämie, wie es umgangssprachlich genannt wird.

Bei einer Kürzung der Lohnfortzahlungen bekommt man eben nicht mehr als Mindestabsicherung einhundert Prozent des Lohns, sondern nur noch 80 Prozent. Ein Hauptargument dagegen sehe ich darin, dass wir dieses Konzept 1996 schon einmal hatten, und zwar in der Regierung Kohl, in der Endphase von Schwarz-Gelb. Die Bevölkerung hat das nicht mitgetragen: Es gab Massendemonstrationen, es war extrem polarisierend und auch wenig effektiv. Gewerkschaften haben dies in Tarifverträgen bereits häufig ausgeschlossen, das heißt, am Ende würde es vor allem Geringverdiener, die nicht tarifgebunden sind, treffen. Das Spiegelbild dazu ist nun die leistungsorientierte oder die anwesenheitsorientierte Bezahlung.

Was ist damit gemeint?

Wenn Firmen fordern, die Politik rund um die Lohnfortzahlung zu ändern, so könnte die Politik den Firmen entgegnen, man könne ein Bonussystem entwickeln: Es wird belohnt, wenn jemand sehr selten krank ist. Man könnte sich also ein Leistungs- und Bonussystem überlegen, wo die Krankentage in die Fehlzeiten einfließen. Wenn das allerdings nicht gut gemacht ist, kann dies auch wieder zu unerwünschten Nebenwirkungen führen.

Was wäre hierfür ein Beispielmodell?

Man könnte den Mittelwert der Fehltage in einem Unternehmen nehmen und beschließen, dass man pro Tag, den man weniger als der Mittelwert fehlt, einen Bonuspunkt bekommt. Dies könne mit einem leistungsabhängigen Betrag, entweder pro Quartal oder am Jahresende, ausgezahlt werden. Bei diesem Modell nimmt man keinem was weg, jeder kriegt die einhundert Prozent. Aber diejenigen, die über einen größeren Zeitraum nur zwei Fehltage im Jahr hatten, kriegen beispielsweise zum Weihnachtsgeld nochmal ein paar hundert Euro dazu.

Sie schlagen ja ein Konzept der Teilzeit-Krankschreibungen vor, nämlich nach skandinavischem Vorbild. Können Sie uns das Konzept mal erklären?

Beim Kranksein gibt es einen großen Graubereich, bei dem man nur angeschlagen ist und man vielleicht auch ein paar Stunden am Tag arbeiten kann, aber eben nicht die vollen acht Stunden. Und da setzt das Modell der Teilzeit-Krankschreibung, auch graduelle Krankschreibung genannt, an.

In den skandinavischen Ländern gibt es dieses Modell bereits seit Jahrzehnten. Dort können Ärzte die graduellen Krankschreibungen ausstellen, darin sind sie auch geschult und es ist gesellschaftlich akzeptiert. Graduelle Krankschreibungen machen dort ein Drittel der Fehltage aus. Dabei konzentriert sich der Arzt auf die Restarbeitsfähigkeit und nicht auf die Frage, ob man krank oder gesund ist. Es heißt schließlich auch Arbeitsunfähigkeit.

Die eigentliche Frage, die wir uns also stellen sollten, ist: Wie schlimm ist die Krankheit im Verhältnis zu dem Beruf, der ausgeübt wird.

Wenn man beispielsweise „nur“ einen Schnupfen hat, heißt das nicht unbedingt, dass man arbeitsunfähig ist. Und die Arbeitsunfähigkeit bei der graduellen Krankschreibung oder bei Teilzeit-Krankschreibungen richtet sich eben nach der verbliebenen Arbeitsfähigkeit, so wie wir das bereits bei der Erwerbsminderungsrente machen.

Es gibt relativ viele Anwendungsfälle, bei denen man sagen kann, dass die krankzuschreibende Person nicht volle acht Stunden arbeiten, aber vielleicht vier oder sogar nur zwei Stunden arbeiten kann. In Schweden wird zwischen 25, 50, 75 und 100 Prozent Arbeitsunfähigkeit unterschieden. Das wird vom Arzt relativ zum ausgeübten Beruf und der Krankheit bewertet.

Die eigentliche Frage, die wir uns also stellen sollten, ist: Wie schlimm ist die Krankheit im Verhältnis zu dem Beruf, der ausgeübt wird.

Führt das nicht zu Unsicherheiten? Bei einer hundertprozentigen Krankschreibung gibt es schließlich die Klarheit, dass die krankgeschriebene Person für diesen Zeitraum nicht arbeiten kann.

Es geht hierbei auch um viele weitere Anwendungsfälle, wie Rückenschmerzen oder psychische Erkrankungen, die im Übrigen in den letzten 25 Jahren angestiegen sind. Krankschreibungen wegen mentaler Probleme sind ein gesellschaftliches Problem. Hier sehen wir bereits jetzt eine relativ lange Krankheitsdauer, und dass man die Menschen wieder langsam an die Arbeit gewöhnen muss und sie wieder eingliedert, anstatt von null auf einhundert Prozent zu gehen.

Die schrittweise Rückkehr in den Arbeitsalltag gibt es bereits, das sogenannte Hamburger Modell?

Ja, das gibt es. Für mich ist die Thematik der Teilzeit-Krankschreibungen und der graduellen Krankschreibung ein No-Brainer, weil wir klare Vorbilder haben.

Wir haben auch Gutachten aus 2018, die sich dafür aussprechen. Die Ärzteschaft hat sich zum Teil dafür ausgesprochen, der Ärztepräsident, aber auch von der Politik gibt es sehr zustimmende Stimmen.

Wir haben 900 Millionen Fehltage pro Jahr in Deutschland, das sind sehr viele Arbeitstage. Die wird man nicht auf Null bekommen und das möchte auch keiner. Wenn wir nur 10 Prozent der Vollzeit-Krankschreibungen in Teilzeit-Krankschreibungen umwandeln könnten, würden wir der Wirtschaft 45 Millionen Tage zuführen. Das entspricht ungefähr der Abschaffung eines Feiertages. Das wird die Wirtschaft nicht retten, aber das hätte einen kleinen Wachstumseffekt. Eine aus meiner Sicht absolut sinnvolle und gesellschaftlich verträgliche Reform. Ich habe bisher noch kein Gegenargument gehört, das mir plausibel erscheint.

Für mich ist die Thematik der Teilzeit-Krankschreibung und der graduellen Krankschreibung ein No-Brainer, weil wir klare Vorbilder haben.

Braucht es denn eine Regulatorik, wie die graduelle Krankschreibung, oder vielmehr eine Veränderung in der Arbeitsatmosphäre?

Betriebe haben sehr viel Einfluss auf die Fehlzeiten. Wenn jemand Spaß an der Arbeit hat, wenn er Vertrauen in den Chef hat und es ein gut geführtes Unternehmen ist, dann sind die Fehlzeiten automatisch niedriger, weil sich dann keiner aus nicht nötigen Gründen krankmeldet.

Teilweise wird das in gut geführten Unternehmen über den Überstundenabbau und über informelle Absprachen bereits heute gemacht. Nichtsdestotrotz finde ich: Da kommen die Ärzte ins Spiel. Die haben natürlich die Aufgabe, das Ganze zu bewerten. Juristisch gesehen zählt natürlich die ärztliche Bescheinigung, wenn es darum geht, welche Krankheit vorliegt und ob sie zu einer Arbeitsunfähigkeit im Verhältnis zum Beruf führt. Zudem ist der Arzt eine Autoritätsperson. Eine ärztliche Empfehlung hat ein anderes Signal als eine informelle Absprache. Daher halte ich es durchaus weiterhin für notwendig, auch aus rechtlicher Sicht, dass wir nicht in ein Schwarz-Weiß-Denken verfallen.

Wie viel lässt sich davon regulatorisch und politisch bestimmen? Handelt es sich hierbei nicht auch um eine Mindset-Frage oder eine Frage des Arbeitsklimas, der Kultur der Unternehmen?

Dem würde ich absolut zustimmen. Wenn wir in die Daten schauen, dann sehen wir riesige Unterschiede in den Unternehmen, in den verschiedenen Branchen und auch in den Arbeitsfeldern.

Es ist gut, dass auch immer mehr Firmen darüber sprechen, wie sie das handhaben oder was ihre Tricks für eine zufriedene Belegschaft und geringe Fehlzeiten sind. Es ist eben auch ein Gesamtkomplex und eine gesamtgesellschaftliche Debatte. Diese ist natürlich auch angedockt an die Frage, ob wir uns noch genug anstrengen und was gute Arbeitsbedingungen sind.

Wenn man auf Umfragen hört, dann sagen 60 Prozent der Befragten, sie würden im Job nicht alles geben. Manche Ökonomen sagen, das schlägt sich auch in den Fehlzeiten nieder, und vielleicht liegen sie damit auch nicht ganz falsch. Aber die eigentliche Frage ist doch, warum wir eine Situation haben, in der Leute mit Freude arbeiten – oder ob die Arbeitsbedingungen so schlecht sind. Ich würde auch gerne mehr von Firmen hören, die davon erzählen, wie sie es schaffen, ihre Fehlzeiten sehr niedrig zu halten.

Damit man das Problem nicht nur an die Politik delegiert, sondern auch die Wirtschaft die Voraussetzungen dafür schafft.

Ja. Ich glaube, die Firmen können sehr viel machen. Und natürlich gibt es verschiedene Optionen. Es gibt Firmen, die eine Krankschreibung ab dem ersten Arbeitstag verlangen, weil sie das Gefühl haben, da läuft etwas aus dem Ruder. Es gibt auch Firmen, die leistungsabhängige Bezahlungen einführen. Firmen können auch Gesundheitsangebote anbieten, betriebliches Gesundheitsmanagement ist sehr wichtig.

Es gibt viele Stellschrauben, wenn man sich das Thema Fehlzeiten ansieht. Firmen könnten noch proaktiver werden, auch in Zusammenarbeit mit den Betriebsräten und im Idealfall mit den Angestellten. Es wird bereits sehr viel getan, aber vielleicht kann man diejenigen Firmen noch stärker hervorheben, die sehr gute Erfolge erzielen.

Verschriftlichung und Mitarbeit: Miriam Augscheller.

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