Deutschland wird gut. Wetten?

Deutschlands Comeback als Wirtschaftsstandort

Die guten Nachrichten rund um den Wirtschaftsstandort Deutschland erscheinen rar. Doch wer sucht, findet vielversprechende Zukunftsperspektiven. Von Fabrikhallen, die die nächste KI-Welle antreiben, von Universitäten, an denen die Gründer von morgen studieren, und von einer Rakete aus Bayern.
Miriam Augscheller
Heute
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Made in Germany.

Das Label, das einst für Qualität stand, bringt mittlerweile eine ganz andere Art von Assoziation mit sich: die der Nostalgie (was hatten wir es gut!) oder eben die der negativen Begleiterscheinungen. Hohe Bürokratielasten, hohe Energiepreise, hohe Steuern und Abgaben. Zu wenig Kapital. Viel zu wenig Wagniskapital. Die Investoren aus dem Ausland: verschreckt. Die im Inland ausgebildeten Talente: im Ausland.

Es ist nicht nur ein Gefühl, das sich im Messen mit den USA, mit China, mit Großbritannien einschleicht, nein – es lässt sich belegen. Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist im internationalen Wettbewerb in seiner Beliebtheit zurückgefallen. So zeigt der KPMG-Standortindex 2026: Die Investitionsabsichten verschlechtern sich. Danach planen 23 Prozent der Unternehmen Kürzungen. Der Standortindex der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft wird seit 2017 erhoben, seitdem wird ein kontinuierlicher Rückgang verzeichnet – mittlerweile findet Deutschland seinen Platz noch knapp über dem EU-Durchschnitt.

Und doch gründen in Deutschland so viele Menschen wie lange nicht mehr, die Start-up-Neugründungen sind auf einem Höchststand, es gibt immer mehr deutsche Unicorns.

Lichtblicke für den Wirtschaftsstandort Deutschland gibt es also. Sie überstrahlen zwar nicht die Herausforderungen, denen der Standort gegenübersteht. Aber sie bieten eine Orientierung auf dem Weg zum attraktiven Wirtschaftsstandort:

  • Die Wirtschaft in Deutschland wächst wieder und erholt sich: Das ifo-Institut rechnet in seiner aktuellen Prognose mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,4 Prozent für das laufende Jahr. Und für das Jahr 2027 wird ein Wachstum von 1,2 Prozent erwartet, für 2028 von 0,8 Prozent.

  • Es gibt mehr Geld für junges Unternehmertum: Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden in deutsche Jungunternehmen knapp 5,3 Milliarden Euro investiert, was 14 Prozent mehr ist als im Vorjahreszeitraum. Im ersten Halbjahr 2025 wurden etwa 4,6 Milliarden Euro an Risikokapital gesammelt, sagt das Startup-Barometer von EY-Parthenon. Die Zahl der Finanzierungsrunden ist allerdings gesunken. Das heißt, das Geld fließt in weniger, dafür aber größere Deals.

  • In Deutschland wird weiterhin viel gespart: Laut Berechnungen der DZ Bank Research wuchs das Geldvermögen der privaten Haushalte im Jahr 2025 um rund sechs Prozent auf zehn Billionen Euro. Und die Sparquote in Deutschland ist hoch im Vergleich zu anderen Industrieländern. So sparten laut dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2023 nur wenige Nationen mehr als die deutsche: Die Schweiz und die Niederlande waren noch weiter vorn. Das Kapital an sich wäre also da.

  • Deutschland als Europazentrale: Der KPMG-Standortindex zeigt die Ergebnisse einer Befragung von 400 CFOs von deutschen Tochtergesellschaften internationaler Konzerne. Davon geben 60 Prozent an, Deutschland als Europazentrale zu nutzen, und 63 Prozent von hier aus auch Aktivitäten außerhalb Europas zu steuern. Dabei schneiden vor allem institutionelle Faktoren gut ab, wie die öffentliche Sicherheit sowie die politische Stabilität Deutschlands. Daraus könnte man schließen, dass Deutschland als Wirtschaftsstandort noch vom Vertrauen profitiert, das es sich über die Jahre hinweg erarbeitet hat – auch wenn sich der Standort gerade im Tiefflug befindet.

Es gibt Hebel, mit denen Deutschland wieder zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort werden kann. Denn der Standort Deutschland kann noch aus zwei bestimmten Ressourcen schöpfen: aus dem Humankapital an den deutschen Hochschulen und aus dem Wissen und der Infrastruktur der bereits bestehenden Industrie.

Voller Hörsaal der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, 1992 © Imago

Der Binsenweisheit, die Jugend sei die Zukunft, der muss man auch recht geben, wenn es um die Zukunft des Wirtschaftsstandorts geht. Zwar sitzt der Schock der aktuellen Pisa-Studie tief. Aber die Studie Education at a Glance – Bildung auf einen Blick 2026 stimmt positiver. Denn diese ergab, dass das deutsche Bildungssystem insbesondere hinsichtlich der MINT-Fächer – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – gut dasteht.

Der Grund dafür liegt in der Absolventenzahl: So verlassen ganze 34 Prozent der Absolventen ihre Hochschule mit einem MINT-Abschluss, das ist der höchste Wert im OECD-Vergleich. Da gerade die MINT-Fächer bekannt dafür sind, durch ihre Absolventen Innovation voranzutreiben, stimmen diese Ergebnisse hoffnungsvoll für einen zukünftigen deutschen Wirtschaftsstandort voller Innovationen, die ihrerseits Investoren anziehen.

Zudem sticht das öffentliche universitäre System in Deutschland in internationalen Vergleichen positiv heraus. Das Ranking der Times Higher Education hebt unter den 100 besten Universitäten der Welt auch sieben deutsche hervor: Das sind die Technische Universität und die Ludwig-Maximilians-Universität in München, die Universität Heidelberg, die Universität Bonn, die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule in Aachen sowie die Humboldt-Universität und die Charité in Berlin.

Die Technische Universität in München ist eine der erfolgreichsten Gründungsuniversitäten Europas. Zusammen mit dem UnternehmerTUM, einem der führenden Zentren für Gründung und Innovation in Europa, bietet sie etwa Beratungen und Qualifizierungen zur Gründung an. Mittlerweile werden 24 Unicorns verzeichnet – also Start-ups, die mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet sind –, die von TUM-Forschenden und -Alumni gegründet wurden. Darunter Flix, Personio und Isar Aerospace.

Letzterem, einem bayerischen Start-up, ist Anfang September etwas gelungen, was vor einiger Zeit noch abwegig erschien, wenn nicht als unvorstellbar galt: Isar Aerospace hat als erstes Unternehmen eine kommerziell entwickelte Rakete vom europäischen Festland aus in den Orbit gebracht. Das Unternehmen entwickelt in der Peripherie von München Trägerraketen für den Transport von kleinen und mittleren Satelliten sowie Satellitenkonstellationen. Dies soll auch dazu beitragen, dass Europa unabhängiger vom US-amerikanischen Raumfahrtunternehmen SpaceX wird.

Doch wie ist ein solcher Meilenstein möglich, mitten aus Deutschland kommend – von einem Start-up, das es erst seit 2018 gibt? Mit einer sehr guten Finanzierung. Denn im Juni dieses Jahres ist es Isar Aerospace gelungen, in einer Series-D-Finanzierungsrunde, also in einer späten Wachstumsphase, 270 Millionen Euro einzusammeln. Wie dieses Beispiel zeigt: Die guten Universitäten Deutschlands sind mit hochqualitativer Forschung verbunden, und aus ihnen gehen innovative Gründer hervor, das wiederum wertet den Standort für Investoren und hochqualifizierte Arbeitskräfte auf.

Die Rakete von Isar Aerospace beim Start in Norwegen © Imago

Zudem lassen sich immer mehr junge Menschen für das Unternehmertum begeistern, zeigen aktuelle Erhebungen. So wird von der Bertelsmann Stiftung aufgezeigt, dass fast vier von zehn jungen Menschen in Deutschland sich vorstellen können, ein Unternehmen zu gründen. Und neun Prozent der 14- bis 25-Jährigen sagen, sie hätten die feste Absicht, sich bis zu ihrem 30. Geburtstag selbstständig zu machen. Und der Global Entrepreneurship Monitor ergibt, dass sich der Anteil von Gründern im Alter von 18 bis 24 Jahren in Deutschland von 2024 bis 2025 fast verdoppelt hat – der Wert sprang von knapp 13 Prozent auf mehr als 23 Prozent.

Julian Teicke, Gründer und Investor, sieht für den Wirtschaftsstandort Deutschland großes Potenzial in der Jugend von heute:

In Deutschland haben derzeit nur drei bis vier Prozent aller Studierenden Kontakt zum Unternehmertum. Und genau das ist der Hebel: dass wir daran arbeiten, Unternehmertum und unternehmerische Ideen viel früher in die Bildung, in die Schulen einzubringen, vor allem aber auch in die Universitäten.

Auch auf Seiten der Politik wird das erkannt: Im Rahmen der gemeinsamen Win-Initiative der Bundesregierung, der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und der Wirtschaftsverbände soll die Kooperation zwischen Hochschulen, Investoren und Unternehmen weiter ausgebaut werden. Win steht für „Wachstums- und Innovationskapital für Deutschland“, dafür vorgesehen ist ein ganzes Bündel an Maßnahmen, zehn an der Zahl.

Das Ziel ist ein weiterer Ausbau Deutschlands, und zwar hin zum führenden Standort für Innovationen und Wachstumskapital bis zum Jahr 2030. Die Finanzierung von Start-ups, Scale-ups und innovativen Unternehmen soll gestärkt werden, ebenso die Förderung der Zusammenarbeit zwischen gründungsstarken Hochschulen, Investoren sowie Unternehmen. Zehn exzellenzorientierte Startup Factories, die innovative und wissenschaftsbasierte Ausgründungen vorantreiben, sollen daraus hervorgehen.

Daneben sieht die Win-Initiative unter anderem auch Maßnahmen wie die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Börsengänge und Exits vor, und auch eine Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen für Investitionen in Wachstums- und Innovationskapital.

Aus einem Report der KfW in Kooperation mit der Bundesregierung geht hervor, dass von der Gründung der Initiative im September 2024 bis Ende 2025 insgesamt 2,64 Milliarden Euro in den Markt investiert worden sind.

Ein Wirtschaftsstandort wird sich künftig auch daran messen lassen müssen, wie er in Bezug auf künstliche Intelligenz aufgestellt ist. Wird von der Entwicklung der künstlichen Intelligenz gesprochen, wird gern das Bild der Wellen gezeichnet. Die erste Welle war die der generativen KI, die der LLMs, der Sprachmodelle, die sich damit füttern ließen, was eben öffentlich zugänglich im Internet zu finden war.

Die nächste mögliche große Welle im Bereich der künstlichen Intelligenz, die sich gerade aufbaut, ist die der Physical AI. Was sie ausmacht: die Verbindung von künstlicher Intelligenz mit Robotik und Sensorik, also die Verbindung von künstlicher Intelligenz mit der physischen Welt – und gerade das könnte für Deutschland einen wesentlichen Wachstumsfaktor darstellen. Die Daten, die dafür benötigt werden, sind nicht wie bisher in der KI-Entwicklung im Internet aufrufbar. Dazu braucht es Wissen aus der Industrie, jenes Wissen, das es in Firmen und Fabrikhallen gibt. Wissen, das es aufgrund von Traditionsunternehmen in Deutschland en masse gibt.

Julian Teicke sagt diesbezüglich:

Für diese nächste Welle, die Physical-AI-Welle, braucht es Daten aus den Fabriken und tiefes Ingenieurwissen, es braucht Patente. All das haben wir – und all das werden wir auch nutzen.

Das hat auch das Robotik-Unternehmen Neura Robotics aus Baden-Württemberg erkannt, so findet man auf seiner Website die Angabe, dass es das erste Trainingsnetzwerk für physische KI etabliert habe.

David Reger, CEO des Robotik-Unternehmens Neura Robotics, sagt im Interview mit Gabor Steingart:

Der Bereich der Robotik wird deutlich größer sein als der Markt der Smartphones, Automotive und alles zusammen. Es wird Roboter im privaten Bereich geben, in jedem Haushalt, aber genauso auch in jeder Industrie, in jedem Restaurant, in jedem Hotel, beim Arzt. Es wird Roboter in der ganzen breiten Masse geben – und zwar sehr, sehr bald.

Der globale Markt der Physical AI wird von der PwC-Studie Physical AI: Intelligence in motion bis zum Jahr 2030 auf rund 430 Milliarden Euro geschätzt. Die Welle der Physical AI ist also keine kleine. Hierbei vorne mit dabei zu sein, ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland von großem Wert.


Über das deutsche Universitätssystem und Physical AI als Chance für den deutschen Wirtschaftsstandort spricht sich der Gründer und Investor Julian Teicke in der fünften Folge von Deutschland wird gut. Wetten? aus. Teicke hat bereits in der Schweiz und in Deutschland gegründet und Investoren aus aller Welt begeistern können. Er ist sich sicher, wenn er sagt: Andere beneiden uns um unseren Standort.

Es ist nicht nur ein Berliner Patriotismus, den wir versuchen zu verbreiten, oder ein deutscher. Es ist ein europäischer Patriotismus, der sich gerade entwickelt, und das macht mich auch zuversichtlich. Es gibt viele Leute, die sagen: Wir bleiben ganz explizit in Europa und wollen die Zukunft Europas basierend auf europäischen Werten bauen.

Im Gespräch mit Alev Doğan spricht Julian Teicke live auf der MyWay, dem Strategiegipfel für Familienunternehmen, darüber, woran er seine Zuversicht festmacht. Und auch Ihre Meinung ist gefragt: Geben Sie hier auf dem Stimmungsbarometer Ihre Stimme ab und zeigen Sie, ob auch Sie an das zuversichtliche Zukunftsszenario von Julian Teicke glauben.

Deutschland wird gut. Wetten? ist ein Format von The Pioneer. In jeder Folge nimmt sich Alev Doğan ein Thema vor, an dem dieses Land scheinbar verzweifelt. Bildung. Klima. Gesundheit. Zusammenhalt. Mit Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Medien und Sport arbeitet sie heraus, wo es begründeten Anlass für Optimismus gibt und warum es besser wird, als die öffentliche Debatte vermuten lässt.

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