Neue Hauptgeschäftsführerin: Eine "Schwarzgrüne" für den BDI

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Erstmals soll eine Frau den wichtigsten Industrieverband BDI führen. Die CDU-Politikerin Tanja Gönner ist derzeit noch Chefin der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Sie gilt als "Schwarzgrüne" und soll den altehrwürdigen BDI als Hauptgeschäftsführerin modernisieren - und begrünen.

Wirtschaftsnah, politisch erfahren, grün-kompatibel, und wenn es geht: Frau.

So lautete das Profil für den wichtigsten Lobbyistenjob in der deutschen Wirtschaft: den Posten des Hauptgeschäftsführers oder eben der Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI).

Nach dem Weggang von Joachim Lang war der Spitzenposten in dem mächtigen Verband, dessen Mitgliedsunternehmen knapp ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts beisteuern, vakant.

Der BDI versteht sich als die Stimme der Wirtschaft in Berlin, er ist der „Verband der Verbände“, denn im BDI sind weitere 40 industrielle Wirtschaftsverbände selbst Mitglied. Der Verband vertritt mehr als 100.000 Unternehmen mit rund acht Millionen Beschäftigten.

Entsprechend selbstbewusst traten die Präsidenten auf, ob sie nun Hans-Olaf Henkel, Hans-Peter Keitel und Jürgen Thumann hießen oder aktuell Siegfried Russwurm.

Termine im Kanzleramt. Mediale Präsenz garantiert.

Hans-Peter Keitel, Angela Merkel und Jürgen Thumann 2009 beim Tag der Industrie.  © dpa

Im Alltag der Berliner Republik läuft die Macht indes im Büro des Hauptgeschäftsführers zusammen. Er - oder im seltenen Fall der Wirtschaftsverbände Sie - ist die hauptamtliche Speerspitze des Verbands und der oder die Verhandlungsführer(in) gegenüber den Regierungsmitgliedern, den Ministerialbeamten oder den Abgeordneten.

Nach dem Abschied Langs, ehemaliger Europaberater der Kanzlerin und Ex-Eon-Manager, wurde diese Planstelle beim BDI frei. Dotiert mit rund 500.000 Euro, wie man hört.

Präsident Rußwurm schickte eine kleine, vertrauliche Findungskommission auf die Suche nach einer Nachfolgeperson, die den politischen und ökonomischen Wandel im Land ideal repräsentieren kann. Wirtschaftsaffin und ordnungspolitisch sauber argumentierend sollte die Persönlichkeit natürlich sein. Aber die ökologische Transformation als zentrale Herausforderung begreifend.

Und wenn es geht, erstmals in der BDI-Historie, eine Frau.

Nun wurde man fündig: Tanja Gönner, die frühere CDU-Umweltministerin in Baden-Württemberg und bisherige Präsidentin der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) soll beim Tag der Industrie Mitte Juni als neue Hauptgeschäftsführerin vorgestellt werden.

Tanja Gönner, Chefin der GIZ.  © imago

Mehrere Mitglieder des Präsidiums bestätigten uns gestern diese Entscheidung. Eine offizielle Stellungnahme war gestern Abend nicht zu bekommen.

Die 53-Jährige, gelernte Rechtsanwältin aus dem baden-württembergischen Sigmaringen, passt gut auf das Profil.

Gönner hatte mehrere Ministerämter in Baden-Württemberg inne, startete wie ihre Vertraute Angela Merkel im Umweltressort.

Als die CDU im Südwesten 2011 überraschend die Landtagswahlen verlor und von einem grün-roten Bündnis abgelöst wurde, wechselte Gönner zur Entwicklungsarbeit und wurde 2012 Vorstandssprecherin der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.

Tanja Gönner nach der Wahlniederlage in Baden-Württemberg 2011.  © dpa

In der CDU gilt die zierliche Frau mit der Kurzhaarfrisur bis heute als „Schwarzgrüne“. Als Chefin der Entwicklungshilfebehörde GIZ (mehr als 25.000 Mitarbeiter in 70 Nationen) plädierte Gönner in Interviews immer wieder dafür, dass die Politik beim Klimaschutz endlich Tempo machen müsse und Wirtschaftspolitik immer auch Klimapolitik sei.

Die traditionelle GIZ-Jahrespressekonferenz 2021 hatte Gönner mit dem Motto überschrieben:

"Die Krise als Chance nutzen: Mit grüner Wirtschaftsbelebung gestärkt in die Zukunft."

Mit Gönner dürfte der altehrwürdige Industrieverband nun ordentlich durchgelüftet werden.

Immer wieder war die CDU-Frau auch als potentielle Ministerin unter Angela Merkel im Gespräch, doch war sie neben den Baden-Württembergern Wolfgang Schäuble, Annette Schavan und Volker Kauder eine zu viel aus der Südwest-CDU.

Tanja Gönner 2012 beim 70. Geburtstag von Wolfgang Schäuble.  © dpa

Und auch jetzt war es eine alte CDU-Verbindung, die Gönner geholfen haben könnte.

Intern soll eine alte Freundin und einflussreiche Verbandspersönlichkeit für Gönner geworben haben: Hildegard Müller, Chefin des Verbands der Automobilwirtschaft und Mitglied des BDI-Präsidiums.

Zwar war Müller nicht Teil der Findungskommission, doch soll sich die ehemalige Kanzleramtsministerin in mehreren Gesprächen für Gönner eingesetzt haben.

Die beiden waren von 1998 bis 2002 das “Duo infernale” an der Spitze der Jungen Union, wie sich ein damaliger Mitstreiter erinnert. Müller als Bundesvorsitzende, Gönner als ihre Stellvertreterin modernisierten die beiden den etwas angestaubten Männerverein JU.

Sie sprachen sich ab, und verbündeten sich 2002 (am Ende erfolglos) gegen den späteren JU-Chef Philipp Mißfelder.

Müller wechselte schließlich als Staatsministerin ins Kanzleramt, Gönner in die Entwicklungspolitik. Die Freundschaft blieb.

Hildegard Müller © imago

Mit Gönner als Hauptgeschäftsführerin dürfte der Verband die begonnene Forcierung der ökologischen Transformation vorantreiben, das BDI-typische Selbstbewusstsein dabei aber nicht verlieren.

„Sie ist taff, führt klar und strategisch”, sagt einer, der sie damals bei der JU erlebte.

“Tanja Gönner ist kraftvoll und leistungsfähig. Die kann mit Apparaten und Transformation umgehen”, lobt Annette Schavan, die mit Gönner im Kabinett in Baden-Württemberg zusammenarbeitete.

Transformation wird Gönners zentrale Herausforderung.

Die in der Wirtschaft hin zu einem klimaneutralen Industrieland.

Aber auch die im BDI.

Denn der Verband der Verbände ist selbst ein schwerfälliger Tanker und gilt in Berlin, wegen seiner Größe, der heterogenen Mitgliederstruktur aber auch wegen der Eitelkeiten und dem Machtwillen der Präsidenten der Einzelverbände, zu den am schwersten zu führenden Verbände in Berlin.

Viel zu tun.

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