Abschied des ukrainischen Botschafters : Melnyk: "Ich habe wohl zu viele Fehler begangen"

Es war ein kurzer Anruf des ukrainischen Außenministers Dmytro Kuleba beim ukrainischen Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk.

Der Außenminister teilte seinem Statthalter in Berlin mit, dass er abberufen werde. Er solle dies nicht aus der Presse erfahren müssen. Kurz darauf gab der Präsidentenpalast in Kiew den Wechsel von fünf Botschaftern per Dekret bekannt.

Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem normalen Vorgang. "Diese Frage der Rotation ist ein üblicher Teil der diplomatischen Praxis", so der Präsident in einer Videobotschaft, ohne einen Botschafter namentlich zu nennen.

Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck und Melnyk bei der Sondersitzung im Bundestag am 27.2.2022. © imago

Über die Gründe der Entlassung eines der wohl bekanntesten, aber auch umstrittensten Diplomaten Europas schweigt sich Kiew seither aus.

Wie wir aus ukrainischen Regierungskreisen erfahren haben, wird Melnyk nur noch wenige Wochen in Berlin bleiben und nach der Sommerpause nach Kiew zurückkehren.

Melnyk selbst räumte gestern auf Anfrage ein, dass er nicht ganz freiwillig seinen Posten aufgibt.

Ich habe wohl viel zu viele Fehler begangen, muss für meine Fehltritte gerade stehen. Das Leben geht aber weiter.

Welche neuen Aufgaben er in der Heimat übernehmen werde, sei offen. Es gebe mehrere Optionen, darunter auch der schon in den Medien genannte Posten als Vize-Außenminister.

"Ich freue mich auf neue Herausforderungen und lasse mich überraschen."

Der streitbare und kontroverse Diplomat war von 2015 bis 2022 Botschafter der Ukraine in Deutschland.

Seine Entlassung wird bei Abgeordneten im Nationalparlament von Kiew mit seinen umstrittenen Äußerungen zur Solidarität der Deutschen und seiner öffentlichen Verteidigung des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera begründet.

Melnyk, der von 2007 bis 2012 als Generalkonsul in Hamburg arbeitete und fließend deutsch spricht, hatte sich seit Kriegsbeginn lautstark und leidenschaftlich für Waffenlieferungen an die Ukraine eingesetzt und vor allem die SPD wegen ihrer früheren Russland-Politik angegriffen.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und seinen Ministern warf er immer wieder Zögerlichkeit vor.

Als Scholz verärgert auf die Ausladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Kiew reagierte und eine Kiew-Reise vorerst absagte, nannte Melnyk Scholz eine "beleidigte Leberwurst", entschuldigte sich später aber.

Im Kanzleramt war man seither trotzdem nicht gut auf den Diplomaten zu sprechen.

Frank-Walter Steinmeier © dpa

Auf Steinmeier hatte es Melnyk besonders abgesehen. Dieser habe ein "Spinnennetz der Kontakte" nach Russland geknüpft, sagte Melnyk in einem Interview mit dem Tagesspiegel.

Laut Spiegel soll er den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, den SPD-Politiker Michael Roth, als "Arschloch" bezeichnet haben.

Die Funktion des Diplomaten interpretierte Melnyk offensichtlich anders.

Er selbst weiß heute, dass er manches Mal zu weit gegangen ist. Aber der promovierte Jurist betont im Gespräch auch, dass es ihm immer nur um eine maximale Unterstützung seines Landes gegangen sei, das angegriffen werde und vernichtet werden soll.

Man muss die Vehemenz seiner Einlassungen auch vor diesem Hintergrund bewerten.

"Andrej Melnyk war mehr Politiker als Diplomat, laut und äußerst unbequem. Mit seinen Äußerungen hat er oft Grenzen überschritten. Aber er hat auch manchen die Augen geöffnet und wachgerüttelt", sagt die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestags Marie-Agnes Strack-Zimmermann © Anne Hufnagl

Für den Druck, den er auf Deutschland ausgeübt habe, sollte man "auch im Interesse Europas" dankbar sein, so die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag.

Der SPD-Außenpolitiker Ralf Stegner sieht es etwas anders. "Das ist ein schwieriger Mann. Man wird sich auch in Kiew gefragt haben, ob es nützlich ist, wenn Diplomaten so auftreten", sagte Stegner im Deutschlandfunk.

Dass Melynk in einem Interview mit Tilo Jung den ukrainischen Nationalisten Bandera verteidigte, war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Bandera war während des 2. Weltkriegs Anführer des radikalen Flügels der Ukrainischen Nationalisten (OUN), deren Mitglieder 1943 für ethnisch motivierte Vertreibungen verantwortlich waren, bei denen Zehntausende polnische und jüdische Zivilisten ermordet wurden.

Das ukrainische Außenministerium distanzierte sich öffentlich von den Äußerungen Melnyks. Er selbst fühlte sich missverstanden.

Andrij Melnyk  © Lisa-Marie Lehner

Was bleibt von seiner siebenjährigen Amtszeit?

Als seine wichtigste Errungenschaft nennt Melnyk selbst, "dass die Deutschen endlich begannen, die Ukraine als Subjekt der internationalen Politik zu betrachten, nicht ausschliesslich durch die russische Brille".

Auch dass die Kehrtwende bei den Waffenlieferungen "trotz der Tradition" in Deutschland möglich gewesen sei, habe seinem Land sehr geholfen, so Melnyk.

Melnyks große Sorge, und die teilt auch der ukrainische Präsident, ist, dass im Westen in der Sommerzeit eine Kriegsmüdigkeit die Oberhand gewinnen könnte und die Unterstützung für sein Land nachlässt.

Eine aktuelle Forsa-Umfrage bestätigt dies bereits.

Demnach ist das Interesse der Deutschen am Krieg in der Ukraine in den vergangenen drei Wochen zurückgegangen. Zwar sagen immer noch 70 Prozent der Befragten, der Krieg sei das wichtigste Thema. Doch waren dies Anfang Juni noch über 80 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist das Thema Energieversorgung in Deutschland in der Aufmerksamkeit nach oben geschnellt.

Knapp 60 Prozent der Befragten nennen dies als wichtigstes politisches Thema.

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