9. Oktober, Berlin, ein Donnerstag. Der Verband Die Familienunternehmer hat zum Parlamentarischen Abend in die Geschäftsräume der Deutschen Bank Unter den Linden geladen. Zweck der Veranstaltung: Familienunternehmer sollen ungestört und diskret mit Abgeordneten ins Gespräch kommen.
Mittendrin: Leif-Erik Holm, wirtschaftspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag. „Ich war dort erstmals zu Gast und wurde sofort intensiv ins Gespräch gezogen“, sagt er The Pioneer. Holm fühlt sich angekommen in der Welt der Unternehmen: „Selbst der Verband der Familienunternehmer, der uns früher geächtet hat, lädt uns inzwischen ein.“
Die Brandmauer? Ist offenbar ein primär politisches Konstrukt, kein wirtschaftliches. Angesichts steigender Umfragewerte der AfD (25 bis 27 Prozent bundesweit) nehmen einige Unternehmen bewusst Tuchfühlung mit den Rechtsaußen auf, andere bleiben vorsichtig.
Tatsache ist: Ignorieren lässt sich die AfD im Lobbyismus nicht mehr. Einige Unternehmer erhoffen sich von der Partei wirtschaftsliberale Akzente, die sie bei anderen Parteien vermissen. Das hat auch mit dem Fehlen der FDP zu tun.
Für die AfD selbst ist der Trend eindeutig. AfD-Chefin Alice Weidel sagt The Pioneer: „Der Zuspruch, den wir als AfD aus der Wirtschaft erhalten, nimmt immer mehr zu – bislang noch überwiegend unter der Hand.“
Gleichwohl: Bekennende AfD-Fans wie Unternehmer Theo Müller (bekannt für Müllermilch), der mit Weidel befreundet ist und sich mit ihr bei den Bayreuther Festspielen ablichten ließ, sind die Ausnahme.
Alice Weidel mit Unternehmer Theo Müller bei den Bayreuther Festspielen © DPABei dem Parlamentarischen Abend in Berlin Anfang Oktober standen zwei Fragen im Mittelpunkt: Haben sich die Erwartungen an eine wirtschaftspolitische Wende unter Kanzler Merz erfüllt? Wurden die längst überfälligen Strukturreformen tatsächlich angestoßen?
Die meisten eingeladenen Unternehmer verneinen an diesem Abend beide Fragen, so der Eindruck von Teilnehmern.
Der Hauptgeschäftsführer des Verbands Die Familienunternehmer, Albrecht von der Hagen, sagt The Pioneer:
Diese Brandmauer zur AfD – auch auf Bundesebene, die von den meisten Verbänden bislang aufrechterhalten wurde – hat nichts gebracht. Das Konzept, die AfD von allem auszuschließen, ist gescheitert. Wir verabschieden uns von den Brandmauern.
Dazu muss man wissen: Der Verband vertritt rund 6.500 familiengeführte Firmen aus ganz Deutschland. Mitglied wird nur, wer ein mehrheitlich familiengeführtes Unternehmen mit mindestens einer Million Euro Jahresumsatz und zehn Beschäftigten leitet.
Ostdeutschland als Vorbote?
In Ostdeutschland sei es den Verbandsvertretern der Familienunternehmer „schon lange freigestellt”, die AfD zu parlamentarischen Abenden zu laden, sagt von der Hagen. Denn: „Angesichts der Stärke der AfD kommen unsere Landesvorsitzenden in Thüringen und Sachsen gar nicht an ihr vorbei.“
Und auch Holm, der AfD-Mann aus dem Bundestag, will durchstarten: Im September 2026 tritt er als AfD-Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern an. Sein Anspruch: „Wir wollen regieren.“ Eine Umfrage von Infratest-Dimap gibt ihm Rückenwind: Sie sieht die AfD in Mecklenburg-Vorpommern bei 38 Prozent.
Wie sehen das ostdeutsche Unternehmer selbst? Beispiel Sachsen: Mathias Hammer, Gründer der Energiekonzepte Deutschland, einer der größten Solaranlagenanbieter Deutschlands, spielt mit dem Gedanken, bei der nächsten Wahl AfD zu wählen.
Seine Wunschkoalition: Schwarz-Blau. Obwohl sein Geschäftsfeld die erneuerbaren Energien sind.
Hammers Problem: Er habe im Bund eine „rechte CDU” gewählt, und bekomme eine SPD-Regierung. Sowieso sei „die Hysterie” im Umgang mit der AfD „übertrieben".
Ein Blick in Hammers politische Vita steht stellvertretend für viele ostdeutsche Unternehmer:
Ich war mal in der CDU, aber als Merkel durchgedreht ist, bin ich ausgetreten. Danach war ich bei der FDP – die wurde mir nach dem Ausscheiden von Christian Lindner zu links. Jetzt bin ich parteilos.
Nun also die Hinwendung zur AfD. Hammer nimmt wahr, dass immer mehr sächsische Unternehmer („wirklich jeder Zweite”) mit der AfD sympathisieren.
Das Fehlen der FDP als Wegbereiter der AfD?
„Viele sind frustriert über Bürokratie und Migrationspolitik”, sagt Hammer, „man kann heute niemanden mehr entlassen, selbst wenn er nichts kann. Alles ist überreguliert.“
Wirtschaftspolitisch sei die AfD „im Grunde analog zur FDP – nur dass sie Dinge klarer ausspricht”.
So sehen das viele. Auch von der Hagen erkennt im Fehlen der FDP eine politische Leerstelle, die die AfD bespielt: Das Thema Wirtschaft werde allein der AfD überlassen, „weil weder die Linkspartei noch die Grünen wirtschaftspolitisch akzeptable Positionen vertreten – jedenfalls nicht in der Breite.“ Das sei eine ideale Konstellation für die AfD.
Tatsächlich nutzt die AfD das FDP-Vakuum bewusst, erklärt Weidel The Pioneer: „Wir merken auch immer stärker, dass sich uns mittlerweile Wirtschaftsvertreter zuwenden, die früher in Hoffnung auf eine vernünftige Wirtschaftspolitik vor allem auf die FDP gesetzt haben.“
Allerdings habe die FDP, „die im Wahlkampf gerne AfD-Positionen vertreten hat, um dann die zerstörerische Ideologiepolitik der Ampel mitzutragen“ ihren Kredit in der Wirtschaft „nahezu vollständig aufgebraucht“. Weidels Devise: „In diese Lücke stoßen wir hinein.“
Elektoral unerfolgreich ist diese Strategie nicht: Knapp 900.000 Wähler wanderten bei der Bundestagswahl 2025 von der FDP zur AfD. Nur zur Union sind mehr FDP-Wähler abgewandert.
Eine Infografik mit dem Titel: FDP verliert an AfD
FDP-Wählerwanderung bei der Bundestagswahl 2025
Die AfD als Ersatz-FDP? Von der Hagen gibt ein Beispiel: die Debatte um die Erbschaftssteuer. Während der Vorschlag in einer Haushaltsdebatte im Bundestag von Parteien links der Union gekommen sei, kam von der Union aus Angst vor koalitionsinternem Streit „kein Wort” dazu, erklärt von der Hagen.
„Sie wollen die SPD nicht reizen, weil sofort eine Gegenreaktion käme: ‚Erbschaftsteuer auf Betriebsvermögen muss in den Koalitionsausschuss.‘ Also sagt niemand etwas.“
Dadurch sei es letztlich allein die AfD gewesen, die in der Haushaltsdebatte öffentlichkeitswirksam zur Erbschaftsteuer Stellung bezogen habe.
„Und so wird Frau Weidel quasi zur ‚Schutzgöttin der Familienunternehmer‘, weil sie sagt: ‚Erbschaftsteuer – mit uns nie!‘ Das ist ihre einzige, aber sehr wirksame Botschaft.“
Von der Hagen schildert: Immer mehr Unternehmer hielten das, was die Ampel-Regierung gemacht hat, „für so falsch und schädlich, dass sie inzwischen sagen: Schlimmer kann es mit der AfD auch nicht werden“.
AfD-Programm eine „schiere Katastrophe”
Programmatisch ist von der Hagen nicht von der AfD überzeugt.
Hauptgeschäftsführer der Familienunternehmer Albrecht von der Hagen © Die Familienunternehmer/Anne Kreuz FotografieDas AfD-Programm sei „insbesondere in der Sozialpolitik“ in „seiner Gesamtheit nicht umsetzbar” – die AfD fordert ein Rentenniveau von 70 Prozent. Dennoch hört von der Hagen von vielen Unternehmern: ‚Bei der SPD ist es doch genauso, deren Rentenpolitik ist auch gar nicht finanzierbar‘.
Sollte das Rentenniveau, wie von der SPD gefordert, auch nach 2031 auf dem Niveau von 48 Prozent stabilisiert werden, würde das den Haushalt bis 2040 zusätzliche 115 Milliarden Euro kosten. Nur die Junge Gruppe der Union rebelliert dagegen.
Neben der Sozialpolitik gebe es auch andere, für Unternehmen kritische Punkte, erklärt von der Hagen.
Etwa in der Familienpolitik: Statt auf Kitas für Kinder setze die AfD stark auf die Betreuung der Kinder zu Hause durch die Mütter. „Das würde in der Praxis bedeuten, dass weniger in den Ausbau von Kitaplätzen investiert wird.“
Heißt: „Frauen sollen wieder an den Herd“. Und: „Die gesamte Philosophie dahinter zielt darauf ab, dass Frauen letztlich aus der Arbeitswelt verdrängt werden.“
„Das ist für die Betriebe das Ende und für die Gesellschaft schlicht nicht finanzierbar“, so von der Hagen. Das AfD-Programm sei eine „schiere Katastrophe”.
In den Fachaustausch gehen wir jetzt mit ihnen, um ihnen aufzuzeigen: Mit der Wirtschaftspolitik, die sie bisher in ihrem Programm haben, würden wir alle einen phänomenalen Schiffbruch erleiden.
Das sei der AfD „überhaupt nicht klar“.
Doch wie sieht der Umgang mit der AfD jenseits des Mittelstands aus – bei DAX-Konzernen und internationalen Unternehmen?
Anders als bei Familienunternehmern, die sich mitunter gerne prononcierte und öffentlich wahrnehmbare politische Meinungen leisten – man denke an Wolfgang Grupp, Reinhold Würth oder Christian Miele –, ist die politische Positionierung von Konzernen professionalisiert und strategisch geleitet.
Eigene sogenannte Public Affairs- oder Government Affairs-Abteilungen (zu Deutsch: Profi-Lobbyisten), meist in unmittelbarer Nähe zur Vorstandsebene angesiedelt, entwickeln Strategien dafür, wie sich ein Unternehmen in zunehmend komplexen politischen Landschaften positionieren sollte.
Neben den konzerninternen Public-Affairs-Abteilungen spielen auch Beratungen eine wichtige Rolle: Global tätige Kommunikationsagenturen wie FGS Global, Brunswick oder Edelman identifizieren politische Trends und beraten Unternehmensführungen.
Dass CEOs und Chef-Lobbyisten ihre Botschaften nicht aus dem Bauch heraus in die Öffentlichkeit tragen, sondern ihre Kommunikation und politischen Kontakte anhand von Kosten-Nutzen-Abwägungen sorgfältig planen, liegt nicht zuletzt daran, dass jede kommunikative Unstimmigkeit die eigenen Anleger verunsichern könnte.
Dieses Top-Personal berät auch über den richtigen Umgang mit der AfD. Im Gespräch mit The Pioneer berichten Cheflobbyisten, Vorstandsmitglieder von internationalen Großkonzernen sowie Führungskräfte von globalen Spitzen-Consultings, wie sie Unternehmensführungen zum ökonomisch klugen Umgang mit der AfD beraten.
Der AfD-Umgang ist keine Prinzipienfrage
Grundsätzlich gibt es bei Public Affairs Strategien keine Denkverbote. Eine Führungskraft stellt fest: „Was man aus deutscher Sicht oft vergisst: Für viele internationale Unternehmen ist der Umgang mit radikalen oder populistischen Parteien nichts Ungewöhnliches oder Besonderes.”
So etwa die italienische Regierung, angeführt von der Postfaschistin Giorgia Meloni. Hier könne man nicht sagen: „Wir reden nicht mit denen.”
Ein anderer Spitzen-Lobbyist bemängelt gar einen gewissen „Gratismut” bei deutschen Wirtschafts- und Verbandsvertretern, die sich lautstark und öffentlichkeitswirksam für eine „Lobby-Brandmauer” gegen die AfD positionierten.
Sein Argument: Großkonzerne exportieren nicht nur an „brave und lupenreine Demokratien in Europa”, sondern global. Heißt: Auch nach Russland, China, Katar oder Saudi-Arabien. Auch hier gibt es Government Affairs Teams, die im Falle Russlands mit verurteilten Kriegsverbrechern Regierungskontakte organisieren, um Gesetzgebungen zu beeinflussen.
Die Ablehnung der AfD, die der Lobbyist „als Privatperson” teilt, sei in dieser globalen Perspektive „zu provinziell gedacht”.
Moralische Bedenken? Der Lobbyist wägt ab: Natürlich seien die genannten Länder wichtige Absatzmärkte, und darauf lasse sich als Großkonzern unter Shareholder-Druck nicht verzichten.
Zugleich: „Zu fordern, nur noch Menschen aus demokratischen Ländern dürfen Produkte von Großkonzernen konsumieren – von Arzneimitteln über Krankenhaustechnik bis zur Energieversorgung –, wäre ethisch nicht zu rechtfertigen.”
Es gibt also keine prinzipiellen AfD-Berührungsängste der Angestellten des Großkapitals. Ein Vorstandsmitglied meint:
Sich intellektuell nicht mit der AfD auseinanderzusetzen, wäre unprofessionell.
Die Frage bleibt: Folgen daraus erste Kontakte?
Eine Führungskraft, die mehrere DAX-Vorstände politisch berät, meint:
In meiner Beobachtung gibt es im DAX-Bereich keine institutionell ausgeprägte Kontaktpflege mit der AfD.
Auch andere Führungskräfte bestätigen diese Beobachtung gegenüber The Pioneer; oft heißt es: „Es gibt kein Engagement und keinen aktiven Austausch mit der AfD.”
Das liegt jedoch nicht an einer moralisch aufgeladenen Brandmauer-Nostalgie der Wirtschaft, sondern an funktionalen Kosten-Nutzen-Abwägungen.
Reputationsrisiko AfD
Das Risiko, dass die AfD bis 2029 Teil der Bundesregierung ist, wird von einem Top-Strategen „bei unter 20 Prozent” gesehen. Zugleich gebe es „gerade in Deutschland, aufgrund der besonderen Vergangenheit” einen erheblichen Aufschrei, würde die Öffentlichkeit von einer AfD-Kontaktaufnahme international tätiger Unternehmen erfahren.
Das bringe „erhebliche Reputationskosten“ mit sich, die im Verhältnis zur nur geringen Wahrscheinlichkeit einer AfD-Regierungsbeteiligung zu hoch seien.
In der Tat verrät ein Blick auf die Zahlen: Die AfD ist zwar in den Umfragen derzeit stärkste Kraft in Deutschland.
Allerdings: Laut jüngstem Deutschlandtrend möchten 63 Prozent der Deutschen weniger Einfluss der AfD. Keine andere Partei erzeugt so viel Ablehnung in der deutschen Bevölkerung.
Eine Infografik mit dem Titel: Mehrheit der Deutschen wünscht weniger Einfluss der AfD
Mehrheit der Deutschen wünscht weniger Einfluss der AfD
Die Risiko-Modellierung zur AfD impliziert auch: Ändert sich die Wahrscheinlichkeit einer AfD-Regierungsbeteiligung, ändert sich die Kosten-Nutzen-Rechnung. Je wahrscheinlicher eine Regierungsbeteiligung wird, etwa weil sich die CDU sukzessive für eine schwarz-blaue Koalition öffnet, desto höher die Kosten, keinen Kontakt aufzunehmen.
„Etwas zugespitzt gesagt: Man kann nicht erst Kontakt aufnehmen, wenn Frau Weidel im Kanzleramt sitzt”, so ein Lobbyist.
Ein Blick nach Amerika zeigt: Nach einer Wahl kann alles sehr schnell gehen.
Meta-Chef Mark Zuckerberg, der Trump nach dem 6. Januar 2021 noch von Facebook verbannt hatte, sprach 2025 nach der Wahl Trumps von einer Regierung, die stolz auf amerikanische Tech-Konzerne sei und deren Interessen im Ausland verteidige. Kurz zuvor hatte er bei Trump diniert und Meta eine Million Dollar an ein Trump-nahes Fundraising-Projekt gespendet.
Auch eine Lobby-Führungskraft in Deutschland sagt:
Momentan möchte niemand den ersten Schritt Richtung AfD gehen, weil das Reputationsrisiko zu hoch ist. Meine Vermutung ist: Sollte die AfD regieren, wird alles ganz schnell gehen.
Dann würden AfD-nahe Mitarbeiter „eingekauft”, um gute Kontakte in die Regierung mit AfD-Beteiligung sicherzustellen.
So geschah es auch in den USA: Die Beratung FGS Global etwa stellte mit Richard Walters einen langjährigen Republikaner-Strategen aus dem Trump-Umfeld ein. Unternehmensintern hieß es damals: Sonst könne man das Geschäft in DC schließen.
Mangelnde Professionalität der AfD
Ein Spitzen-Berater erläutert, dass er CEOs grundsätzlich von einem Outreach zur AfD abrate, da bei AfD-Politikern kein gemeinsames Wertesystem vorausgesetzt werden könne – weder in Bezug auf Diskretion noch auf ein grundlegendes Verständnis von Professionalität.
Seine anekdotische Evidenz: Bei einem parlamentarischen Abend – hier war die AfD nicht eingeladen – erschien ein AfD-Parlamentarier in Flip-Flops in Begleitung zweier Damen, „deren Gewerbe nicht eindeutig zu identifizieren war”.
Offenkundiges Ziel der uneingeladenen Gäste: die kostenlosen Häppchen und Drinks. Für internationale Top-Unternehmen sei dies „keine Arbeitsgrundlage”.
Zugleich gebe es bei den etablierten Regierungsparteien neben den Politikern der ersten Reihe einen „stabilen Mittelbau an Fachpolitikern”, die „in den Themen drin sind”. Wenngleich bei der AfD eine zunehmende Professionalisierung zu beobachten sei, gelte dennoch meist: Themen werden nicht nach Sachlogik, sondern Politisierungspotenzial bearbeitet.
In die Verästelungen etwa des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz – der entscheidende regulative Rahmen für die Pharmaindustrie – arbeite sich kaum ein AfD-Politiker ein. Stattdessen gehe es oft um „die einfachen Themen: Kulturkampf, Messerstecher, Merkel muss weg!”.
Auch bei den vom Verband Die Familienunternehmer organisierten Terminen zeigt die AfD nur verhaltenes Interesse: In Sachsen seien zuletzt lediglich zwei Abgeordnete zu einer Veranstaltung erschienen, berichtet von der Hagen. Und selbst bei dem von Holm stolz erwähnten Termin auf Bundesebene blieben vier der fünf eingeladenen AfD-Abgeordneten fern – nur Holm kam.
„Es ist also nicht so, dass sie uns freudig umarmen und sagen: ‚Endlich kümmert sich die Wirtschaft um uns´“, sagt von der Hagen. Und: „Viele zucken mit den Schultern, wenn es um Wirtschaft geht.“
Überzeugungstäter in der Wirtschaft
Harald Christ, Gründer und Geschäftsführer von Christ&Company Consulting, übt Kritik an der Anpassungsfähigkeit der globalen Wirtschaft. Christ war selbst politisch aktiv, zunächst in der SPD und später als Schatzmeister der FDP, die er 2024 im Rahmen der Veröffentlichungen zum D-Day Papier verließ.
Unternehmer Harald Christ © DPA„Ich persönlich habe da eine klare Haltung: Ich würde im Zweifel lieber wirtschaftliche Einbußen hinnehmen, als meine Überzeugungen aufzugeben”, sagt Christ The Pioneer.
Beispiel:
Wenn sich ein Unternehmen offen für die AfD positionieren oder sogar als Großspender für sie auftreten würde, würde ich ernsthaft überlegen, ob ich die Geschäftsbeziehung fortsetze.
Manche internationale Konkurrenten würden das anders sehen: „Die Geschichte zeigt, dass Opportunismus weit verbreitet ist. Es gibt auch Menschen und Unternehmen, die versuchen, sich mit neuen politischen Realitäten zu arrangieren.”
Auch die Einstellungspraxis nach politischen Mehrheitsverhältnissen sieht Christ kritisch: „Einen aktiven AfD-Funktionär würde ich nicht einstellen. Für solche Personen gibt es bei mir keinen Arbeitsplatz.”
Für Christ ist klar: „Ich rede nicht mit der AfD, ich habe da keinen Gesprächsbedarf." Denn: „Die AfD steht in weiten Teilen ihres Programms gegen all das, für das ich mit meinen Werten einstehe.“
Und:
Wenn die AfD im Bund tatsächlich mitregieren sollte, spätestens dann würde ich aktiv in die Politik einsteigen.
In so einem Moment seien alle gefordert, einen Beitrag zu leisten.
Zugleich habe er „großes Vertrauen in die Vernunft der Wähler und die Parteien der demokratischen Mitte, dass es nicht so weit kommen wird”.
Fazit: Noch lehnt die deutsche Wirtschaft die AfD mehrheitlich ab. Steigen die Erfolgsaussichten der Partei auf Regierungseinfluss, dürften neue Gesprächskanäle schnell aufgemacht werden. Unternehmer wie Christ sind dann vielleicht nur noch eine Ausnahme.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde Merck fälschlicherweise als Mitglied des Verbands „Die Familienunternehmer“ genannt. Dies wurde korrigiert.