Business Class Edition: Es lebe der Verlierer!

Guten Morgen,

die meisten Journalisten schauen auf die, die was geworden sind: Kanzler, Minister, Staatssekretäre. Die Sieger von Wahlen und innerparteilichen Machtkämpfen können sich vor Interviewanfragen und nur mühsam unterdrückter medialer Bewunderung kaum retten.

Dabei ist der Blick auf die Wahlverlierer und die im Machtpoker Zukurzgekommenen oft lohnender. In ihnen brodelt ein Vulkan. Und je mehr die Sieger sich genießen und durch das lässige Vorfahren der Limousine und die Mitfluggelegenheit im Flugtaxi namens Bundeswehr das Aroma der Macht versprühen, desto höher steigen im Innersten des Verlierers die Temperaturen. Alles drängt in Richtung Ausbruch.

Aus dieser inneren Raserei entsteht die für den politischen Prozess wertvolle Angriffsenergie. Das Zurückzahlen- und Überbietenwollen, auch die latente Putschstimmung gegen die gestern noch Ebenbürtigen und nunmehr Mächtigen ist Teil eines gewollten Wettbewerbs, der dafür sorgt, dass aus dem Machtgenuss kein Machtmissbrauch wird.

Friedrich Merz © Anne Hufnagl

Deshalb war Friedrich Merz für die CDU-Vorsitzende Merkel zwar lästig, aber für seine Partei wertvoll. Er sorgte dafür, dass die lodernde Glut des Konservativismus in den Jahren des politischen Purismus nicht zur Asche verfiel.

Oskar Lafontaine hat auf der linken Seite des Spielfeldes ebenfalls seinen Beitrag zur Revitalisierung geleistet. Er war Schröder-Gegner, Schröder-Opfer und hat sich durch die Kombination von Rücktritt (vom Amt des Finanzministers) und Austritt (aus der SPD) wie ein Entfesselungskünstler vom Marterpfahl des Gerhard Schröder befreit, um als ewiger Schröder-Gegenspieler in der Linkspartei sein Wigwam aufzuschlagen. Fortan war er der Gus Backus der deutschen Linken: Da sprach der alte Häuptling der Indianer.

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