Business Class Edition: Butscha: Anatomie eines Kriegsverbrechens

Ermordete Person im Raum Kiew © dpa

Guten Morgen,

die meisten Medien sind nach den Gräueltaten von Butscha schnell wieder zur Routine der Kriegsberichterstattung zurückgekehrt: große Empörung, wenige Fakten. Eine tiefere Aufarbeitung der dortigen Ereignisse hat bisher nicht stattgefunden.

Deshalb hat The Pioneer zur Beantwortung der offenen Fragen den profundesten Kenner der Materie, Prof. Sönke Neitzel, ins Pioneer-Studio eingeladen. Er ist seit 2015/16 Inhaber des Lehrstuhls für Militärgeschichte und die Kulturgeschichte der Gewalt; er lehrt und forscht am Historischen Institut der Universität Potsdam.

Internationale Aufmerksamkeit erreichte Prof. Neitzel mit seinem Buch „Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945“, in dem Mitschnitte von Gesprächen hochrangiger deutscher Militärs veröffentlicht wurden, die als Kriegsgefangene in der Nähe von London inhaftiert waren. Auch das Nachfolgeprojekt „Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ sorgte für weltweites Aufsehen. Hier wurden soldatische Gespräche abgelauscht, um die psychologischen Grundstrukturen von Kriegsgewalt offen zu legen. Zuletzt legt er das Buch „Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich bis zur Berliner Republik“ vor.

Sönke Neitzel © imago

Nach dem Gespräch mit Prof. Neitzel kann man sich trauen, auf die acht entscheidenden Fragen die entsprechenden Antworten zu geben:

1. Waren die Morde von Butscha das Werk einzelner Soldaten oder gab es dazu einen Befehl von oben?

„Butscha war kein Betriebsunfall“, da ist sich Neitzel aufgrund der bisherigen Informationsauswertung sicher. „Das waren nicht einfach zwei, drei Soldaten, denen die Sicherungen durchgebrannt sind und die dann ‚in the Heat of the Battle‘ Zivilisten erschossen haben.“ Man habe es vielmehr mit einer systematischen Gewalt mindestens eines Regiments gegen Zivilisten zu tun.

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