Business Class Edition: Selenskyj: Leben in der Eindimensionalität

Guten Morgen,

so wie der gute Christ nach Rom pilgert, so reist der gute Demokrat in diesen Tagen nach Kiew. Sein Petersplatz heißt Maidan. Nur, dass er hier nicht mit ein paar Fürbitten davon kommt.

Der Gott von Kiew ist kein gütiger, sondern ein zürnender Gott. Er kann nur durch üppige Opfergaben besänftigt werden, weshalb das Drei-Gänge-Menü, das Deutschland ihm nun serviert, deutlich großzügiger ausfällt als zunächst geplant:

Die 5000 Helme der ersten Kriegstage waren nur ein Gruß aus der Küche, leichte Waffen folgten als Primi Piatti, bevor nun der in der Vorratskammer der Bundeswehr gereifte Gepard als Hauptgericht aufgefahren wird. Zum Dessert serviert der Küchenchef Variationen von humanitärer Hilfe, für all diejenigen, denen die bisherigen Gänge des Menüs nicht gut bekommen sind.

Doch auch dieses Aufgebot kann den Kriegsgott in Kiew nicht besänftigen. Er verlangt Umkehr und Sühne von all jenen, die bis vor Kurzem sich als Entspannungspolitiker zu erkennen gaben. Ihre Sünden wiegen schwer, weshalb der SPD-Bundespräsident – und Vorsicht: Schröder-Freund – seine Wallfahrt erst nach allerlei Vermittlungs- und Sühnearbeit wird antreten dürfen.

Frank-Walter Steinmeier und Sergej Lawrow 2016 in Moskau.  © dpa

Man wirft Steinmeier stellvertretend für das Nach-Hitler-Deutschland vor, „den Russen“ nicht schon vorsorglich die Freundschaft gekündigt zu haben. Er hätte es ahnen müssen, spätestens seit der Besetzung der Krim. Seit Grosny. Seit Aleppo. Mit diesen Russen ist kein Frieden zu halten.

Ortschaft Kafr Hamrah nahe Aleppo, 2019 © dpa

In Sachen Russenhass – das lässt sich nicht bestreiten – hatte das Hitler-Deutschland der Welt mehr – um nicht zu sagen, das Maximale – zu bieten. Eine der Weisung Nr. 21 vergleichbare „Geheime Kommandosache“, die das vom Reichskanzler postulierte Ziel enthielt, „Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen“, ist seither nicht mehr verfasst worden. Hitlers „Unternehmen Barbarossa“ scheiterte, aber auch seine Redensarten („Vergiss niemals, dass die Herrscher des heutigen Russland gewöhnliche blutbefleckte Verbrecher sind.“) wurden in der Bonner und später der Berliner Republik nicht weiter verfolgt.

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