Business Class Edition: Christian Lindner und das Elend des Liberalismus

Guten Morgen,

die Staatsschulden steigen, das Sozialbudget expandiert, die industrielle Wettbewerbsfähigkeit des Landes verfällt – und zwischen Volk und Regierung hat sich ein für geübte Ohren deutlich vernehmbarer Sprechgesang etabliert: Das Volk ruft „Hilfe“ und der Staat erwidert mit routinierter Zärtlichkeit: Ich komme schon.

Olaf Scholz © dpa

Der Pfarrer der Gemeinde, alias Olaf Scholz, spielt dazu an der Orgel leise die Instrumentalversion von „You'll never walk alone“. Die Gemeinde summt mit – das ist die Hymne einer neuen säkularen Religion.

Für die FDP und ihre Wähler hat damit ein Gottesdienst des Grauens begonnen. Die zehn Gebote des Liberalismus – von „Du sollst Dich anstrengen“ bis „Für deinen Fleiß gibt es einen Preis“ – wirken plötzlich wie kontaminiert. Nur noch Sektierer zitieren das Diktum des österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter:

Schöpferische Zerstörung ist die Basis für Innovation, unternehmerisches Wachstum und Wohlstand.

Wer heute noch an die Marktwirtschaft glaubt, wirkt auf die Mehrheitsgesellschaft wie ein Querdenker ohne Aluhut. Die FDP weiß, was hier gemeint ist.

Christian Lindner © imago

Im politischen Leben gibt es derzeit nichts Komplizierteres, als ein Liberaler zu sein. Der Konservative hat in jeder Problemlage seine Standardreaktion zur Hand: Früher war’s besser. Die Tatsache, dass die Nation vor der Demokratie auf die Welt kam, bestätigt ihn in seinem Denken. Dass jetzt Krieg in Europa herrscht, passt für ihn gut ins Konzept des wehrhaften Staates. Frieden schaffen, mit noch mehr Waffen.

Sozialisten und Sozialdemokraten wiederum verstehen jede Entgleisung der Moderne als Arbeitsauftrag für den Retterstaat. Ob Börsenspekulation, Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit oder Verkehrstote: Mehr Staat, lautet die griffige Parole. Also: Spekulationssteuer. Verbrennerverbot. Bürgergeld. Tempolimit. Irgendwas gibt es schließlich immer zu kontrollieren und zu regulieren.

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