Deutschland: Republik ohne Fortschrittsgeschichte

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Guten Morgen,

AKK oder Merz? Oder doch lieber Armin Laschet? Stolpert AfD-Chef Meuthen über den Möchtegern-Chef Höcke? Steigt Robert Habeck bald zum grünen Kanzlerkandidaten auf? Und wo steckt eigentlich Christian Lindner?

Das sind oft die Kernthemen der deutschen Zeitungen. Die Wähler aber, das zeigt die Wahlforschung nicht nur in den USA, schauen durch die Gesichter hindurch. Sie suchen die dahinter liegende Geschichte.

„Sie können in der Politik keinen Erfolg haben, wenn Sie nicht in der Lage sind, zu erzählen, wer Sie sind“, sagt der Geschichtenerzähler David Axelrod, Architekt des 2008er-Wahlsieges von Barack Obama. Er ließ den weithin unbekannten Jungsenator aus Illinois die Aufstiegsgeschichte eines jungen schwarzen Mannes erzählen, die dieser zur Aufstiegsgeschichte seines Landes zu verlängern versprach: „Hope and Change“.

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Auch Donald Trump weiß, wie man Geschichten erzählt. Seine handelt vom kaltblütigen Geschäftsmann, der antritt in einer Welt der Autokraten, um auch bei den zahlungsunwilligen deutschen Freunden einen guten Deal für Amerika herauszuholen. Und wenn du nicht zahlst, Angela? You are fired!

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Emmanuel Macron kann auch gut erzählen, zum Beispiel die Geschichte, wie ein ehemaliger Sozialist und Investmentbanker ein politisches Start-up namens La République En Marche gründet, um Frankreich mit Europa zu versöhnen. In der Nacht des Wahltriumphes lässt der Franzose die Europahymne spielen. Freude schöner Götterfunken.

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Womit wir bei der trostlosen Situation der deutschen Parteien wären: Die einzigen, die hierzulande eine Geschichte erzählen, sind Grüne und AfD. Die AfD-Story lautet: Früher war alles besser. Politik als Heimatfilm, Feuerzangenbowle mit Alexander Gauland.

Die Geschichte der Grünen handelt vom Aufbruch in eine Zukunft, die verheißungsvoll klingt, weil Ökonomie und Ökologie erstmals miteinander versöhnt werden sollen. Solarfabriken, Flugtaxis und ein Aufstand der Tiere: Das gab’s bisher nur als Science-Fiction.

Die Erzählung der Merkel-CDU aber lautet: Weiter so. Das Publikum kann das Ende kaum mehr erwarten. Die Erzählung der Scholz-SPD klingt ebenfalls wenig verheißungsvoll: Weiter so in Rot. Wem das zu wenig ist, der wird mit Grundrente ohne Bedarfsprüfung narkotisiert.

Welche Auswirkungen die falschen und die richtigen, die apokalyptischen und die positiv überzeichneten, vor allem aber auch die fehlenden Narrative für eine Gesellschaft haben können, darüber spreche ich im Morning Briefing Podcast mit dem Professoren-Ehepaar Marina und Herfried Münkler. Sie ist Literaturwissenschaftlerin an der TU Dresden, er Historiker an der Humboldt-Universität in Berlin.

Gemeinsam haben sie das Buch „Abschied vom Abstieg“ verfasst, in dem sie der These vom Niedergang des Landes widersprechen. Im Angesicht von Vollbeschäftigung und sprudelnden Steuerüberschüssen sagen sie:

Nicht die Empirie hat sich verändert, sondern das Leitnarrativ.

Die fehlende Vitalität der bisher den Staat tragenden Parteien kommt demnach auch in ihrer Unfähigkeit zum Ausdruck, eine zuversichtliche Fortschrittsgeschichte zu erzählen.

Die Volksparteien trocknen jetzt aus.

Der effektivste Geschichtenerzähler der Gegenwart seien die Populisten von rechts und von links:

Populismus ist gewissermaßen das Aufkommen des bloßen Willens, der sich nicht unter die Zügelung der Vernünftigkeit zu stellen bereit ist.

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Doch auch bei positiven Narrativen sei Vorsicht geboten, sagt Marina Münkler – und erinnert an Helmut Kohl:

Blühende Landschaften, das war ein positives Narrativ, und dieses ist furchtbar gescheitert. Es wurden Versprechungen gemacht, die unterreflektiert waren und die dann nicht eingelöst werden konnten.

Aber wohin steuert eine Bürgergesellschaft, die über keine positive Geschichte mehr verfügt und sich kollektiv in einem Niedergangs-Epos wähnt? Marina Münkler sagt:

Wenn man diese Narrative so einfach laufen lässt und nur in Sonntagsreden etwas dagegen sagt oder sich mit einem moralischen Gestus dagegen wendet, dann wird unsere Demokratie enorm unter Druck geraten. Dann werden wir ins Wanken kommen.

Fazit: Das Bürgertum sollte sich von seinen entkräfteten Volksparteien emanzipieren. Die Geschichte vom deutschen Niedergang wird sonst zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Geschichte unseres Lebens, vielleicht ist das die Lösung, erscheint demnächst im Selbstverlag.

Werner Baumann beweist Nerven. Trotz der Klagen im Glyphosat-Streit setzt der Bayer-Chef, dem die Anleger zuletzt die Entlastung verweigerten, seinen Kurs unbeirrt fort – während die Klageindustrie schneller wächst als jedes Bayer-Geschäft:

Eine Infografik mit dem Titel: Die Klagewelle

Anzahl der eingegangenen Glyphosat-Klagen gegen Bayer, in Stück

►Die eingegangenen Klagen sind seit dem Juli um 132 Prozent auf 42.700 gewachsen.

Eine Infografik mit dem Titel: Verlockende Aussichten

Schätzung einer möglichen Vergleichssumme im Glyphosat-Streit gegenüber Werbeausgaben von US-Anwälten in 2019, in Dollar

► Als Grund nennt Bayer das aggressive Marketing der Kläger-Anwälte. Nach Unternehmensschätzungen gaben die im dritten Quartal 50 Millionen US-Dollar für TV-Spots aus.

Doch Baumann und seinem Führungsteam gelingt es trotz dieser außerordentlichen Zusatzbelastung, das Unternehmen weiter zu managen. Das operative Geschäft läuft nach Plan:

► Im dritten Quartal stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um rund fünf Prozent auf 9,8 Milliarden Euro, der bereinigte Operativgewinn (Ebitda) legte um 7,5 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro zu.

► Für das Jahresende hat Baumann 43,5 Milliarden Umsatz und 11,5 Milliarden bereinigten Gewinn als Jahresziel vorgegeben.

Fazit: Noch beeindruckender als die Zahlen ist die Unbeirrbarkeit des Vorstandsvorsitzenden, der seit Jahren gegen Widerstände ankämpfen muss. Ließe sich die Rezeptur für diese Nervenstärke zur Marktreife weiterentwickeln, hätte der Pharmakonzern neben Aspirin einen neuen Blockbuster im Programm.

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Die Deutsche Bank wartete zum gestrigen Weltspartag mit einer frivolen Nachricht auf – überbringen durfte sie Finanzchef James von Moltke:

Wir erwägen über alle unsere Geschäftsbereiche hinweg, negative Zinsen an die Kunden weiterzugeben, wo es klug und vernünftig und auch legal ist.

Die Bank könnte zukünftig ein Gutteil ihrer Einlagen negativ verzinsen. Davon betroffen sein dürfte der Geschäftskundenbereich, wie auch Privatkunden mit Sparguthaben in Millionenhöhe.

Angesichts sinkender Erträge bei steigenden Kosten, die im dritten Quartal zu einem Nettoverlust von 942 Millionen Euro führten, schickten die Anleger die Aktie mit rund sieben Prozent ins Minus.

Die heutige „Börsen-Zeitung“ zielt erneut auf den Aufsichtsratsvorsitzenden: „Die erschreckend schwachen Zahlen deuten darauf hin, dass die überfälligen Einschnitte im defizitären Investment-Banking nicht bloß spät, sondern möglicherweise zu spät in Angriff genommen worden sind. Unter Aufsichtsratschef Paul Achleitner wurde viel zu viel Zeit vertändelt.“

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Yngve Slyngstad, Chef des mächtigsten Staatsfonds der Welt, tritt nach fast zwölf Jahren Amtszeit zurück. Allein in dieser Zeit konnte das Volumen des 1998 gegründeten norwegischen Ölfonds – der Aktien oder Anleihen von weltweit 9.000 Unternehmen, sowie von fast allen Dax-Konzerne hält – von rund 372 Milliarden US-Dollar auf heute fast 1,1 Billionen US-Dollar verdreifacht werden.

Eine Infografik mit dem Titel: Staatsfonds: Norwegen vorn

Volumen der größten Staatsfonds weltweit, in Milliarden Dollar

Auf dem freien Markt dürfte Slyngstads Arbeitskraft bald sehr begehrt sein. Denn mit einem Jahresgehalt von rund 650.000 Euro verdiente er zuletzt weniger als ein Zehntel dessen, was der Vorstandsvorsitzende der größten deutschen Privatbank 2018 ausgezahlt bekam. Slyngstad vermehrte im dritten Quartal das Vermögen der Norweger um 26 Milliarden US-Dollar. Da muss sich Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing noch anstrengen.

In den Konzernzentralen von Fiat Chrysler in London und von PSA in Paris arbeiten die Konzernchefs mit Nachdruck an der Megafusion. Die Gespräche „zielen darauf ab, einen der weltweit führenden Automobilkonzerne zu schaffen“, heißt es übereinstimmend. Klappt die Fusion der beiden Konzerne, entstünde ein systemrelevanter Automobilriese mit einem geschätzten Börsenwert von 50 Milliarden Dollar:

Eine Infografik mit dem Titel: Die Automobilgiganten

Die größten Automobilkonzerne weltweit nach Absatz, in Millionen Pkw

► Der neue Konzern würde mit rund neun Millionen abgesetzten Pkw jährlich hinter Volkswagen, Toyota und Renault-Nissan zum viertgrößten Autobauer aufsteigen (siehe Grafik).

► Gemessen am addierten Umsatz von rund 185 Milliarden Euro würde der neue Player sogar als drittstärkster Autokonzern hinter Toyota (236 Mrd. Euro) und Volkswagen (235,8 Mrd. Euro) dastehen.

► In Europa käme das fusionierte Unternehmen hinter Volkswagen auf einen Marktanteil bei (gerechnet in verkauften Pkw) von rund 22 Prozent.

Die Aktionäre waren von den Plänen der beiden Konzerne begeistert. Die Aktie von PSA, zu der die Marken Peugeot, Citroën und Opel gehören, legte gestern um sechs, die von Fiat Chrysler um knapp zehn Prozent zu. Ein globaler Champion entsteht.

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Franz Beckenbauer weiß, wie so eine WM-Vergabe abläuft. Einst sagte er zum Fifa-Procedere:

Es sind immer die Menschen, die sich selbst ein bisschen zu wichtig nehmen und sich selbst bereichern. Aber wie man das ändern kann? Ich weiß es nicht. Vielleicht, indem man den Menschen ändert.

Heute lesen sich seine Worte wie ein vorgezogenes Schuldeingeständnis, denn Beckenbauer gehörte selbst offenbar zu jenen käuflichen Menschen. Beckenbauer soll Russland gegen Geldzahlung zur WM 2018 verholfen haben.

Laut „Spiegel“ hatte Beckenbauer als damaliges Mitglied im Exekutivkomitee der Fifa seine entscheidende Stimme für eine „Prämie“ von insgesamt rund 4,5 Millionen Euro verkauft. Gehackte E-Mails zwischen Beckenbauer-Intimus Fedor Radmann und Sergej Kapkow, einem russischen Funktionär und Vertrauten des Oligarchen Roman Abramowitsch, würden das Ganze jetzt beweisen. Beckenbauer schweigt zu den Vorwürfen.

Dieser Fall ist von allen Fällen moralischer Verfehlung im Fußball der wahrscheinlich schmerzhafteste. Man weiß nicht, ob man empört oder apathisch reagieren soll. Oder um es mit Botho Strauß zu sagen: „Dieses unablässige Geschehenlassen bleibt nicht ohne Folgen für Traum und Herz, für Gewissen und Moral eines Menschen. Es ist schon Persönlichkeitsminderung genug, daß man geschehen läßt, was eben geschieht.“

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Pioneer Editor, Herausgeber The Pioneer
  1. , Pioneer Editor, Herausgeber The Pioneer

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