Simone Koltz
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Geopolitik & Finanzmärkte

Taiwan: Der schlafende Vulkan der Weltwirtschaft

Taiwan ist die drängendste Risikofrage für Anleger, Unternehmen und Gesellschaften weltweit. Doch gerade in Europa ist sie unterbelichtet, findet KI-Investor Fabian Westerheide. Was auf dem Spiel steht.
Fabian Westerheide
27.04.2026
© Imago
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Man stelle sich vor: Sie wachen auf und das Smartphone lässt sich nicht mehr starten. Nicht wegen eines Updates oder wegen eines Bugs – sondern weil der Chip, der darin steckt, nicht mehr produziert wird. Weil die Insel, auf der er hergestellt wurde, nicht mehr erreichbar ist.

Klingt wie Science-Fiction? Ist es nicht.

Die Märkte reden derzeit über den Iran, Öl, Zinsen, Inflation, KI-Bewertungen und die nächsten Quartalszahlen von Nvidia. Aber das große systemische Risiko der nächsten Dekade hat keinen Bloomberg-Ticker. Es heißt Taiwan.

Die These für Anleger ist einfach: Die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von Taiwan ist das am schlechtesten eingepreiste Risiko unserer Zeit – größer als die Energieabhängigkeit von Russland oder die Verwerfungen durch den Irankrieg.

Eine Insel trägt die Welt

Die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMS) ist das Fundament der digitalen Zivilisation. Das Unternehmen hält rund 67 Prozent Marktanteil in der globalen Foundry-Industrie. Bei den modernsten Chips, die KI-Systeme, Rechenzentren und autonome Fahrzeuge antreiben, sind es mehr als 90 Prozent.

Eine Infografik mit dem Titel: Taiwan: TSMC dominiert

Die gemessen am Börsenwert größten börsennotierten Unternehmens Taiwans im Jahr 2025, Werte in Milliarden US-Dollar

Nvidia, Apple, AMD, Qualcomm lassen alle bei TSMC fertigen. Alle sitzen im selben geopolitischen Risiko-Cluster: eine Insel, 170 Kilometer vom Festland der Volksrepublik China entfernt.

Taiwan wird im Jahr 2026 voraussichtlich Chips im Wert von über 222 Milliarden US-Dollar produzieren. TSMC erwartet allein in diesem Jahr rund 30 Prozent Umsatzwachstum. Der KI-Boom hat diese Insel von einem wichtigen Zulieferer zu einem strategischen Engpass gemacht.

Über die Konsequenzen wird nur wenig gesprochen.

Silicon Shield: Schutzschild mit Löchern

Taiwan hat eine Doktrin, die auf genau dieser Abhängigkeit basiert. Man nennt sie Silicon Shield: Wer TSMC zerstört, zerstört die eigene Lieferkette. Kein rationaler Akteur würde das riskieren. Kein Land kann es sich leisten, Taiwan anzugreifen.

Diese Logik galt lange als wasserdicht – hat aber einen entscheidenden blinden Fleck.

Sie funktioniert nur, wenn alle Akteure kurzfristige wirtschaftliche Verluste scheuen. Chinas Staatschef Xi Jinping hat allerdings mehrfach signalisiert, dass die Wiedervereinigung Taiwans mit dem Festland für ihn eine historische Mission ist – eine, die ökonomische Kalküle übersteigt. Parallel baut China eine eigene Halbleiterindustrie auf, um diese Abhängigkeit langfristig zu reduzieren.

Die Realität ist ernüchternd: Wenn einem Land der Silicon Shield egal ist, dann einem wie China, das sich als Großmacht des 21. Jahrhunderts versteht und technologische Souveränität über alles stellt.

Das Datum, das Sie kennen sollten

Laut US-Admiral John Aquilino modernisiert China sein Militär so schnell wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Das strategische Zieldatum der Volksbefreiungsarmee ist 2027 – das Jahr, in dem China nach Einschätzung der US-Streitkräfte fähig sein wird, Taiwan militärisch anzugreifen.

2027 markiert wohlgemerkt lediglich die Fähigkeit eines Angriffs. Es existiert keine Notwendigkeit, die diesen Umstand hervorruft. Aber ab diesem Zeitpunkt öffnet sich ein strategisches Fenster, das sich so schnell nicht mehr schließen wird.

China übt kontinuierlich. Die jüngsten Militärmanöver rund um Taiwan zeigen, dass es nicht mehr um Symbolik, sondern um konkrete Einsatzfähigkeit geht.

Schiff der chinesischen Marine im Hafen von Hongkong am 30. September 2025 © Imago

Die Szenarien reichen von einer dauerhaften Seeblockade bis zur militärischen Annexion.

Entscheidend für Investoren: Schon eine Blockade – also eine Unterbrechung der Seewege – würde die globale Halbleiterversorgung massiv stören.

Was das für Deutschland bedeutet

Wir sind tief exponiert.

Deutschland bezieht rund 23 Prozent seiner Halbleiter aus Taiwan. Insgesamt kommen 62 Prozent der deutschen Halbleiterimporte aus nur fünf asiatischen Ländern. Die Autoindustrie ist besonders verwundbar: 92 Prozent der hochmodernen Chips für moderne Fahrzeuge – Fahrerassistenzsysteme, Elektroantriebe, Bordelektronik – kommen aus Taiwan.

Schon während der Corona-Pandemie mussten europäische Hersteller ihre Produktion teils um ein Drittel drosseln, weil Chips fehlten. Das war wohlgemerkt kein Krieg, sondern nur ein Virus.

Im Falle einer echten Eskalation säße Deutschland in einer Doppelzange: Taiwan als Chiplieferant fiele aus, China als wichtigster Handelspartner ebenfalls. Sanktionen wie nach dem Einmarsch in die Ukraine würden Teile des deutschen Exportmodells de facto lahmlegen.

Das am schlechtesten eingepreiste Risiko unserer Zeit

Hier wird es für Anleger interessant und unbequem.

Vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hatten globale Emerging-Market-Fonds rund 3,6 Prozent Russland-Gewichtung. Von einem Tag auf den anderen wurden diese Positionen weitgehend uninvestierbar und mussten abgeschrieben werden.

Das Taiwan-Risiko ist größer. Ein durchschnittlicher Emerging-Market-Fonds ist zu 15 Prozent in taiwanesischen Aktien investiert. Bei einem ETF auf den MSCI Emerging Markets hat man 22 Prozent taiwanesische Aktien im Portfolio. Nahezu jeder Fonds in diesem Bereich ist in TSMC investiert.

Eine Infografik mit dem Titel: Taiwan: Zentral für Schwellenländer-ETFs

Regionale Aufteilung des Schwellenländer-Aktienindex MSCI Emerging Markets Index

Angesichts der Bedeutung Taiwans für die Weltwirtschaft würden aber natürlich auch nicht-taiwanesische Aktien unter einem Angriff auf die Insel kräftig leiden. Ein Schock wäre systemisch. Kein Sektor bliebe verschont: Technologie, Automobil, Maschinenbau, Medizintechnik, Rüstung – alle hängen an dieser Lieferkette.

Die entscheidende Frage für Anleger lautet: Wenn dieses Risiko zu 20, 30 oder 40 Prozent real ist – warum ist es in meinem Portfolio nicht eingepreist?

Was man jetzt tun kann

Die gute Nachricht: Europa hat gehandelt. Die schlechte: leider spät und begrenzt. TSMC baut gemeinsam mit Bosch, Infineon und NXP in Dresden ein Chipwerk für rund zehn Milliarden Euro, das ab 2027 produzieren soll. Das ist ein historischer Schritt.

Aber es ist kein Gegenmittel. Die TSMC-Fabrik in Dresden wird Chips im 28-Nanometer-Verfahren produzieren. Die entscheidenden KI-Chipgrößen – 3 nm, 2 nm – bleiben in Taiwan. Wer das verschweigt, betreibt politisches Wunschdenken.

Es muss also mehr getan werden.

  • Investoren: Taiwan-Exposure im Portfolio gezielt analysieren und szenariobasiert bewerten. Geografische Diversifikation in Assets forcieren, die in geopolitischen Schocks resilient bleiben – etwa Rohstoffe, Energie, Rüstung oder Gold.

  • Unternehmen: Lieferketten-Resilienz ist keine Zukunftsaufgabe. Sie ist überfällig. Kritische Chips bevorraten, Alternativen identifizieren, Dual-Sourcing-Strategien aufbauen.

  • Politik: Transparent kommunizieren, wie weit die eigene Fertigungskapazität reicht – und wo ihre Grenzen liegen.

  • Alle: Verstehen, wovon wir abhängen. Ein iPhone, ein Tesla, eine Windturbine, ein Herzschrittmacher, ein Serverrack – alles hängt an dieser einen Insel.

Fazit

Wir haben mit Corona gelernt, wie fragil globale Lieferketten sind. Wir haben mit Russland gelernt, wie schnell Abhängigkeiten zur Erpressbarkeit führen. Taiwan ist der nächste Lehrgang. Er könnte der härteste sein, wenn wir nicht aus unseren Fehlern lernen.

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Veröffentlicht von Daniel Thomas Bayer.

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Hinweis: Diese Analyse dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Finanzberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.

Fabian Westerheide ist einer der führenden Experten für Künstliche Intelligenz in Deutschland. Als Gründungspartner von Ai.Fund und Investor bei Asgard Capital fördert er seit 2014 KI-Unternehmen. Er ist Mitgründer der Rise of AI Conference, Buchautor und engagiert sich für ein starkes europäisches KI-Ökosystem.

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